Posted by herr.filmtanz on Jul 11, 2014

Die Summe meiner einzelnen Teile | Kritik

[10.07.2014 #1368] Die Summe meiner einzelnen Teile (Drama, Deutschland, 2011)

Wenn ich diese Zeilen schreibe, sitz ich unter freiem Himmel, hier in der freien Natur, möchte ich der sein, der ich bin”, Zitat des Mathematikers Martin (Peter Schneider)

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Neben dem Sehen, Hören und Fühlen eines Films, gibt es bei mir eine vierte Dimension, Filme wahrzunehmen. Es ist schwer zu beschreiben, wirkt aber so, als würde sich der Raum vor der Leinwand mit einer sehr intensiven Schwingung füllen, und sich intensiv an das Gehirn ankoppeln. Ich bin selbst ein Mensch, welcher Zahlen und kryptische Kolonnen unglaublich liebt. Der Klang beim eintippen meiner 70-Stelligen Passwörter, ist für mich wie Klavier spielen, eine innere Reflexion, welche ich brauche wie die Luft zum atmen. Und auch, dass ich seit 30 Jahren Selbstgespräche mit meinen eigenen Gedanken führe, ist ein Fakt den ich sehr an mir liebe. Mit dieser Filmreise hat es mich mit dem ihm von der Gesellschaft angedichteten Psychotikers und Mathematikers in den Walt geschlagen um eines zu machen, die unglaubliche Kraft der Reflexion der eigenen Gedanken leibhaftig zu spüren.

Während ich das hier schreibe, ist mir aber auch klar, die meisten Funktionsmenschen in unserer Gesellschaft, werden diesen Film nicht veratmen können, nicht fühlen können und denken nur, der Martin hat komplett den Verstand verloren, und funktioniert nicht innerhalb der Gesetze dieser von der Gesellschaft brutal vorgeschriebenen Regeln. Ich bin da sehr anderer Meinung. Man sollte Menschen, welche eine erweiterte Reflexion ihrer Gedanken zum Leben brauchen, nicht medikamentös einstellen, sondern sie achten. Das schönste Geschenk, welches uns Menschen auf diesem Planet geschenkt wurde, ist das Gehirn. Seine nicht genutzten Areale zu aktivieren, ist mit Sicherheit das wunderbarste was man erleben kann. Die Freiheit muss wohl grenzenlos sein … koppelt auch sehr stark beim Denken dieses Films in der vierten Dimension an das Gehirn an. (von Reinhard Mey).

Für mich war es ein Film, welcher mein Gehirn, wie von einer Planierraupe überfahren, komplett platt gemacht hat, und mann sich so fühlt, als hätte man mir mit vollster Gewalt mit einer Brechstange direkt in mein Gesicht geschlagen. Über einen wunderbaren Menschen der auch eines gemacht hat, ein Leben einer Frau zu retten 😀

Später, beim Nachdenken über den Film, auf dem Balkon, ist mir dann plötzlich mein Lebensgedicht “Der Panther” von Rainer Maria Rilke durch den Kopf geschossen, so schnell, als würde ein Greifvogel einen Wolf erlegen. Ich höre gerade meine Anne (Nothing Personal) aus dem Heimkino rufen, du hörst jetzt sofort auf zu schreiben, sofort ! Hach Anne, gleich, nur noch kurz das Gedicht. Bekannt war mir nicht bis jetzt, dass Rainer Maria Rilke unter schizoider Persönlichkeitsstörung litt, ausgerechnet bei meinen Lebensgedicht. Und hiermit bekommt “Die Summe meiner einzelnen Teile” eine ganz neue intensive Beleuchtungskraft, oh weia.

Auszug Schizoide Persönlichkeitsstörung – Wikipedia
Die schizoide Persönlichkeitsstörung (griechisch: schizein = abspalten; nicht zu verwechseln mit der schizotypischen Persönlichkeitsstörung) zeichnet sich aus durch einen Rückzug von affektiven, sozialen und anderen Kontakten mit übermäßiger Vorliebe für Phantastereien, einzelgängerisches Verhalten und eine in sich gekehrte Zurückhaltung. Die Betroffenen verfügen nur über ein begrenztes Vermögen, Gefühle auszudrücken und Freude zu zeigen.

Der Panther von Rainer Maria Rilke
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Der Begriff schizoid wurde 1908 von Eugen Bleuler in Anlehnung an den der Schizophrenie und unter dem Eindruck einer ihr nahestehenden Erkrankung geprägt, umfasste gemessen am heutigen Verständnis zunächst aber einen weit größeren Formenkreis. Anfang der 1920er-Jahre entwickelte der Psychiater Ernst Kretschmer ihn dann weiter und differenzierte ihn in einer Weise, wie sie grundsätzlich auch heute noch vertreten wird.

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Martins (Peter Schneider) einzige Sicherheit sind die Zahlen. Vor nicht allzu langer Zeit war er ein genialer Mathematiker auf Karrierekurs in einem großen Unternehmen, verdiente gut, hatte eine Freundin. Ein geordnetes Leben. Er arbeitete bis zur Erschöpfung, bis er zusammenbrach und die Welt in tausend Einzelteile zerfiel. Nach der Entlassung aus der Psychiatrie verliert Martin seine Stelle, holt seine Sachen von der Exfreundin ab und isoliert sich. Er fühlt sich verfolgt und es fällt ihm immer schwerer, die Wirklichkeit mit seinen Zahlen zu bändigen. Jenseits der Zahlenkolonnen, am Rande der Stadt trifft er auf einen geheimnisvollen Jungen, der nur russisch spricht. Gemeinsam flüchten sie in den Wald. Fern von den Zwängen des Alltags beginnen sie ein neues Leben, bauen eine Hütte, werden Freunde. Sie streifen durch den Wald, über Wiesen und an Seeufer, erleben die in Millionen Farben glitzernde Wildnis. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis man Martin auch dort finden wird.
Regie: Hans Weingartner, Schauspieler: Peter Schneider, Henrike von Kuick, Timur Massold, Julia Jentsch

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