Posted by herr.filmtanz on Aug 22, 2015

Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht | Edgar Reitz | Kritik | Gedanken

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Hunsrück, Armut, Hungersnot, Unterdrückung, in den Jahren 1842 bis 1845. Eisch möchte aber zunächst den Regisseur Edgar Reitz aus seinem Statement zu dem Film zitieren.

So mag es vielleicht eine der Wirkung der ANDEREN HEIMAT sein, den Betrachter zum Innehalten zu bringen und für ein paar Stunden den anderen Rhythmus zu erfahren, der unsere Vorfahren zum Überleben befähigte und möglicherweise immer noch der Rhythmus unserer Herzen ist.

Eisch war in meiner Kindheit sehr oft über Wochen bei meinen Großeltern in der Nähe von Fulda, und denke eisch jetzt darüber nach, wird mir klar, wie sehr eisch es geliebt habe wenn sie Platt sprechen. Am Anfang versteht man kein Wort, aber irgendwann liebt man es, versteht es und ist unglaublich beeindruckt, wenn man den alten Menschen mit ihren vom Leben gezeichneten Gesichtern, gespannt ihren Geschichten lauscht.

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Hier in dem Film wird Hunsrückisch gesprochen, und Dank des tollen Booklet und dem Dialektwörterbuch, konnte ich mich gründlich auf diese Reise und die damit gesprochene Sprache vorbereiten. Allemool hat dieses schon richtig Spass gemacht. Eisch sitz lô nich uwenuff, aweil schwätze eisch ma. eisch, der Flabbes 😀

Ich möchte aber nicht die fantastischen vier Stunden Film durchtexten, sondern ein paar Gedanken für mich selbst aufarbeiten.

Eine Woche ist es her, seit ich diesen Film gesehen habe. Es waren vier Stunden Film in einer vergangenen Zeit, für dessen Schwarz-Weiß-Fotografie und Komposition ich nur Hochachtung aussprechen kann. Wie es Edgar Reitz oben auch sagt, hab ich innegehalten und das Licht von der Leinwand, reflektiert aus dem Jahr 1842 bis 1845, komplett veratmet. Ich war praktisch ein Teil in dieser anderen Heimat. Ein wirklich unglaubliches Erlebnis.

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Ich bin wie Jakob Simon in dem Film auch, bestimmt so was wie ein Flabbes. In der Nacht schon und am nächsten Tag zog auf einmal ein Sturm in meinem Gehirn auf. Ich habe mich selbst gefragt, was bedeutet das Wort Heimat für dich ? Hast du je eine Heimat gehabt ? Ist eine andere Heimat nur ein Wunschkonzert im Gehirn, welches einem am Leben hält und Kraft gibt ? Wie seht es mit deinen eigenen, sehr intensiven Gedanken, in Bezug auf das Auswandern aus ? Ist das wirklich eine bessere Welt ?  Geht es dir dann besser und glücklicher ? Beim Nachdenken ist mir dann schmerzlich aufgefallen, ich bin nicht im Stande auch nur einen Ort zu nennen, welchen ich im Herzen als Heimat bezeichnen kann. Ich bin quasi ein umherirrender Reisender auf diesem Planet, welcher nicht mal seine eigene … und hiermit schliessen wir die Akte, es tut mir zu weh im Herzen, und ich muss hier der “Nothing Personal” Regel von Anne folgen.

Ich hätte es bei mir selbst nie für möglich gehalten, welche unglaublich intensive Denkarbeit und Aufarbeitung sechs Buchstaben in meinem Gehirn auslösen, “HEIMAT”.

Ich bin Edgar Reitz aus tiefstem Herzen dankbar für dieses Werk, es ist überwältigend, mit nie mehr enden wollendem Applaus der Hochachtung. Danke Edgar für diese intensive Reise!

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Jakob Simon (Jan Dieter Schneider), der jüngere Bruder, lässt alle Grenzen, die einem Bauernjungen in dieser Zeit gesetzt sind, hinter sich. Er liest jedes Buch dessen er habhaft werden kann, er studiert die Sprachen der Urwald-Indianer, er entwirft Pläne für die romantischsten Abenteuer in den Wäldern Brasiliens und beschreibt seinen Aufbruch aus dem Hunsrück in einem erstaunlichen Tagebuch, das nicht nur seine Geschichte und seine Gedanken wiedergibt, sondern das Lebensbild einer ganzen Zeit. In den Strudel von Jakobs Träumen werden alle gesogen, die ihm begegnen: seine von Mühsal und Arbeit geplagten Eltern, sein kampfbereiter Bruder Gustav (Maximilian Scheidt) und vor allem das schöne Jettchen Niem (Antonia Bill), die Tochter eines verarmten Edelsteinschleifers und ihre beste Freundin, das Florinchen (Philine Lembeck), ein Engel voller Liebesverlangen. Was kann es in dieser kargen Bauernwelt schöneres geben, als Jakobs Erzählungen zu folgen und mit ihm Pläne zu schmieden für ein glücklicheres Leben jenseits des Weltmeeres? Die Sehnsucht der jungen Menschen droht immer wieder zu zerbrechen, an der Unwissenheit der Zeit, an Krankheiten, Tod und Naturkatastrophen, die über das Land hereinbrechen. Die Familie droht unter der Last der Schicksalsschläge zu zerbrechen. Neun Kinder hat Margaret Simon (Marita Breuer), die Mutter Jakobs geboren, nur drei von ihnen überleben. Mitten im Sommer zerstören Eis und Schnee die Ernte, der Hunger lässt die Menschen an Tuberkulose erkranken. Da gibt es nur noch die eine Rettung: der Traum von einer besseren Welt. Jakobs Träume suchen das Abenteuer, das Fremde, die Freiheit in der Wildnis Südamerikas. Die Rückkehr des Bruders Gustav aus dem preußischen Militärdienst gibt den Anstoß für Ereignisse, die die Liebe zwischen Jakob und Jettchen jäh erschüttern und Jakobs Leben in eine völlig unerwartete Richtung lenken…

Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts Hungersnöte, Armut und Willkürherrschaft die Menschen niederdrückten, sind Hunderttausende aus Europa ins ferne Südamerika ausgewandert. ‘Etwas besseres als den Tod findet man überall’, das war ihre bittere Erkenntnis und ihre Hoffnung. Vor dem Hintergrund dieses unvergessenen Dramas, entfaltet Edgar Reitz in seinem neuen Spielfilm ‘Die andere Heimat’ die ‘Chronik einer Sehnsucht’. Wieder ist das fiktive Dorf Schabbach Schauplatz und Universum zugleich. Hier erleben wir die Geschichte zweier Brüder, die in ihrem Dorf erkennen, dass nur ihre Träume sie retten können. Der Film erzählt in großen historischen Zeitbildern vom Exodus der deutschen Bauern und Handwerker in die Neue Welt. In endlosen Kolonnen ziehen die hochbeladenen Pferde-Fuhrwerke über Berge und Täler zum Rhein hinab, um von dort zu den Seehäfen zu gelangen, wo die Auswanderungsschiffe ins Ungewisse starten. Ein Abschied für immer, ein Aufbruch ohne Wiederkehr, Menschen auf der Suche nach dem Glück einer anderen Heimat. Europäische Geschichte, eine vergessene Wahrheit, eine Geschichte von Mut und vom Glauben an die Zukunft. Jakob schreibt in sein Tagebuch: Was kann es größeres geben, als einen Weg gemeinsam zu suchen aus Unrecht und Kälte? Denn alles kann verloren gehen und im Sturm auf den Meeren versinken, nicht aber das Wissen der Herzen. ‘Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht’ wurde an Originalschauplätzen im Hunsrück mit großem Aufwand an Bauten und historischer Ausstattung gedreht. Unterstützt von der regionalen Bevölkerung zwischen Rhein, Mosel und Nahe folgt der Film dem Geist der weltberühmt gewordenen Heimat-Trilogie und eröffnet ein filmisches Panorama, das dem Leben der armen Menschen und ihrer Sehnsucht zu ihrem Recht verhilft.

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Regie: Edgar Reitz
Schauspieler: Werner Herzog, Marita Breuer, Jan Schneider, Maximilian Scheidt, Julia Prochnow, Mélanie Fouché, Konstantin Buchholz
Gerne: Drama
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2013
Laufzeit: 220 Minuten

[13.07.2014 #1370]

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