Posted by herr.filmtanz on Aug 17, 2014

Ken Park | Kritik

[16.08.2014 #1402] Ken Park (FSK18, Drama, Frankreich, USA, Niederlande, 2002)

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Wir laufen jetzt mal zusammen durch die kalifornischen Kleinstadt Visalia oder auch jeder anderen Stadt auf diesem Planeten, und beobachten die Menschen. Was verbirgt sich hinter den Fassaden und den Gesichtern der Menschen ? Was passiert wenn man hinter diese Fassade und in ihr Inneres schaut ? In einer Welt in der die Menschen voller Distanz aneinander vorbeileben und das miteinander Reden ein Gut mit Seltenheitswert ist. Viele regen sich sehr auf über diesen Film und seine explizite Gewalt und – wie man es an der Oberfläche betrachten kann – auch Pornografie.Betrachtet man diese Welt mit seiner Individualität eines jeden Lebewesens als Biotop, kann die kleinste Störung zu einer verheerenden Wechselwirkung führen. Ich rede hier von der Sexualisierung und dem Einfluss der Medien, auch in Bezug auf Gewalt und anzustrebendes Ideal, welche schon den Kindern quasi in die Wiege gelegt wird. Ein Kind heute vor einen Fernseher zu setzen könnte bedeuten, dass es in diesem Biotop Leben irgendwann radikalisierend – lange unbeachtet – irgendwann das Biotop zum kippen bringt oder sich selbst vernichten muss.

Anfänglich in diesem Film begleiten wir Ken Park, wie er mit seinem Skateboard durch die Straßen gleitet, vorbei an den Häusern in den Fassaden der Menschen. Wir sind im Zeitalter Youtube und Facebook, der Bedingungslosen und bloßstellenden Dokumentation des Lebens. Hier sehen wir wie Ken im Park der Skater eine Kamera aufbaut und sich dann eine Kugel durch den Kopf jagt. Damit wird der Film eröffnet.

Im folgenden beleuchtet der Film vier Leben von jungen Menschen in dieser Kleinstadt, Tate mit seinem dreibeinigen Hund -ein Mensch voller Hass und Selbstgewalt-, die hübsche Peaches – hinter ihrer Fassade lebt sie dominanten Sex mit Handschellen-, der Skater Claude -mit seinem gewalttätigen Alkoholiker Vater, welcher sein Skateboard zerstört und Shawn -welcher eigentlich richtig glücklich sein müsste mit seiner Freundin, aber in Abwesenheit der Freundin dessen Mutter unter dominantem Diktat leckt.

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Der Film zeigt junge Menschen bei welcher sich einer dieser z.B. nackt in das Schlafzimmer der Großeltern schleicht und beide mit einem Messer ersticht. Er redet hier von einer Erektion seines Gliedes bei dieser Tat. Bei Tate sehen wir in sein Zimmer während er Tennis im TV schaut und wir dem intensiven “Stöhnen” der Tennis-Spielerinnen lauschen. Tate fühlt sich durch diese Laute dominiert erregt, bindet sich ein langes Tuch strangulierend an der Türklinke fest um den Hals und masturbiert explizit bebildert bis zum Orgasmus.

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Was soll das nun Aussagen, wie ist die Botschaft ? Der Film blickt hinter die Türen der Menschen, welche uns jeden Tag auf der Straße begegnen. Hier ist es das authentische und unverblümte Hinsehen und nicht Wegschauen, welches den Film ausmacht. Man muss sich mit diesem Film beschäftigen und mit Sicherheit sieht man Menschen, hinter ihrer Fassade, nach dem Film mit anderen Augen. Mit Sex werden Milliarden verdient im Internet, ein kleiner Moment des scheinbaren Glücks mit verheerenden Folgen in Bezug auf das Ideal der eigenen ehrlichen sexuellen Entfaltung. Man könnte jetzt noch auf u.a. eines der meist geklickten Rubriken auf den Sex-Video-Seiten, den Einfluss auf die Sexualität von Jugendlichen und die Verlogenheit der Erwachsenen eingehen, “Analverkehr und Fellatio”. Dieses würde hier aber zu weit führen. Auch könnte man hier Jack Ketchum’s Evil und Jack Ketchum’s The Lost – Teenage Serial Killer in die Gedanken und die ungefilterte Beleuchtung der Gesellschaft in die Gedanken einarbeiten. Sowohl Ken Park (rückwärts gelesen “crapneck”, Scheißhals, “zu nichts zu gebrauchen”) und die beiden erwähnten Filme beleuchten den Einfluss auf unsere Gesellschaft ohne Filter und brutal. Hinsehen fällt schwer, dass Wegsehen ist aber bestimmt der falsche Weg.

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Hip Hop, Skateboards, das wärmende Licht eines kalifornischen Sommernachmittags. Dann ein Schuss in den Kopf: Der Selbsmord des Teenagers ist Auftakt für die Geschichten um vier befreundete Jugendliche aus Visalia. Der Skatepark der Kleinstadt irgendwo zwischen Los Angeles und Fresno ist zum Refugium von Shawn, Tate, Claude und Paches geworden. Hier erleben sie Freiheit und Unbeschwertheit. Daheim dagegen werden ihre Ideale und ihre unschuldige Lust pervertiert. Hinter der Fassade einer heilen Welt voll gepflegter Vorgärten herrscht Resigniertheit, Aggressivität, religiöser Fanatismus und Alkoholismus. Zwei Welten prallen aufeinander.

Die Offenheit, mit der Larry Clark und Ed Lachman sämtliche Formen familiären Missbrauchs porträtieren, hat fast etwas Revolutionäres. Sie brechen Tabus des Kinos und zwingen uns zum hinsehen. Doch hier geht es nicht um Stimualtion. Sexualität dient der Flucht vor dem Alltag, als Belohnung, als Strafe. Sex ist dunkel und Sex ist Macht.
Regie: Larry Clark, Schauspieler: Adam Chubbuck, James Bullard, Tiffany Limos, James Ransone, Mike Apaletegui

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One Response to “Ken Park | Kritik”

  1. Huibuh says:

    Das Problem des Films ist nicht die vermeintliche “Offenheit”, sondern die Anhäufung abnormer Sexualität und abnormer Beziehungsmuster, die als vermeintliches Hinter-die-Kulissen-Schauen mit vorgeblich aufklärerisch-liberalem Impetus zusammengestellt werden. Aufklärung und Unerschrockenheit sind eine Camouflage, mit der Sex, Crime und Shock genutzt werden, um hohe Auflagen und hohes Einkommen zu erzielen. Es ist nicht abnorm, zu masturbieren, auch nicht bei den Ausatmungsgeräuschen unter Hochspannung von Leistungssportlern :), doch die Kombination von Sex und Töten ist abnorm. Sie wird von geschäftstüchtigen Filmemachern benutzt, um sich selbst die Lorbeerkrone der Avantgarde umzuhängen und Kohle in Größenordnungen einzuheimsen.

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