Posted by herr.filmtanz on Feb 18, 2015

Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit – Still Life | Eddie Marsan | Kritik

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Sie sind was Besonderes Mr. May

Sekunden brauchte es nur, ein Blick in das Gesicht von John May (Eddie Marsan), und man ist von der magischen Starre, welche fast erschreckend von einer Bewegung durchlaufen wird, wie in einer Hypnose über das eigene Leben gefangen. Wie eine akribische Zeremonie wirkt jede Bewegung von Mr. May, bei seinem Vorhaben, Menschen welche in Einsamkeit verstorben sind, mit der Auffindung von Angehörigen, sie würdevoll auf der letzen Reise zu begleiten.

In Bezug auf eine der wundervollsten Zeremonien, einen Verstorbenen zu begleiten, erinnert man sich unweigerlich an die Präzision in Nokan – Die Kunst des Ausklangs. Einsamkeit ist Freiheit, so sage ich selbst immer zu mir, aus tiefstem Herzen. Hat sich der Bogen über das Nachdenken und die würdevolle Achtung, welche ausnahmslos jeder Mensch verdient hat, in Bewegung gesetzt und er beginnt zu klingen, muss jede Handbewegung akribisch ausgeführt werden. Plötzlich sitzt man genau so nachdenklich wie Mr. May da, und es stellen sich einem tausend Fragen über das Leben und den Tod, und wer waren diese Menschen.

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Kennt ihr diese Menschen, welche mit einem Kissen am Fensterbrett die Welt beobachten ? Sie haben ihre eigene Einsamkeit nicht akzeptiert ? Am liebsten würde man hoch auf das Fensterbrett springen und mit diesen Menschen reden. Nur Mr. May durchbricht diese mit einer starren Kamera aufgenommene Szene, mit einer horizontalen Bewegung. Es wirkt in diesem Moment erschreckend, wie als würde Mr. May durch eine Fotografie eines verstorbenen Menschen laufen. Man fühlt sich eigenartig berührt und überwältigt von diesen Bildern. Überhaupt ist es genau diese durchgehend und einzigartige dynamische Starre der Bildsprache welche “Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit” zu einem sehr unvergessen Erlebnis machen.

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Ich bin selbst ein Mensch welcher die Sprache der Fotografie, die Sprache von Bildern unglaublich liebt. Selten waren sie so stark wie in diesem Film. Es ist ein überwältigendes Erlebnis. Intensiver kann man Worte wie Hochachtung, Liebe, Einsamkeit, Leben und das Thema Tod nicht fotografieren.
Vogel mit vier Buchstaben ? Dodo – flugunfähiger Vogel, ausgestorben 1690, oder das akribische schälen eines Apfels. Es sind Momente, welche mit intellektuellem Humor einen Dodo zum Fliegen bringen.

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“Sie sind was Besonderes Mr. May”. Eddie Marsan überwältigt in seiner Rolle als Mr. May so derart, wie ich es selten erlebt habe. In einer Schwingung aus Tränen und Freude durchblättert man sein Lebenswerk, sein Fotoalbum, und blickt in die Gesichter unbekannter Menschen, lebensüberwältigt. Ich möchte Eddie Marsan, für seine darstellerische Leistung, meine größte Hochachtung aussprechen. Vor lauter Begeisterung habe ich nach dem Film sehr lange auf dem Balkon gestanden, mit offenem Mund, ich wusste vor lauter Begeisterung nicht wohin mit mir.

Einen überwältigenden und lebenslangen Nachklang im Herzen, das bewirkt “Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit”, was ein Lebenswerk, was ein Lebensklang, atemberaubend, wie ein Rausch.

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John May (Eddie Marsan) ist ein Mensch der besonderen Art: ein Einzelgänger, penibel, akribisch, aber mit einem großen Herz für andere. Mit wahrer Engelsgeduld kümmert er sich als ‘Funeral Officer’ im Auftrag der Londoner Stadtverwaltung um die würdevolle Beerdigung einsam verstorbener Menschen. Selbst für das Verfassen der Trauerreden findet er Zeit und respektvolle Worte – gehalten auf Trauerfeiern, die nur auf einen einzigen Gast zählen können: Mr. May. Doch seine Sorgfalt und Hingabe kollidieren mit den Anforderungen der Zeit: Warum sich solche Mühe machen für Tote, die keiner mehr kennt? Mays Stelle wird gestrichen, ein letzter Fall bleibt ihm: Billy Stoke, einsam gestorben in seiner verwahrlosten Wohnung genau vis-à-vis von Mays penibel geordnetem Zuhause; ein groteskes Zerrbild seiner eigenen Einsamkeit. Mays letzter Fall wird ihm fast zur Obsession: Wer war dieser Billy Stoke? Wie war sein Leben, wer waren seine Freunde, hatte er Familie? Als May endlich fündig wird, beginnt auch für ihn eine befreiende Reise, die ihn dazu bringt, sein eigenes Leben mit allen Aufregungen und Gefahren aufs Spiel zu setzen.
Regie: Uberto Pasolini, Schauspieler: Eddie Marsan, Joanne Froggatt, Karen Drury, Andrew Buchan, David Shaw Parker
Tragikomödie, Italien, Großbritannien, 2013

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One Response to “Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit – Still Life | Eddie Marsan | Kritik”

  1. franziska-t says:

    Ja, Eddie Marsan ist ein echter Glücksgriff für diesen Film, der in ruhigen Einstellungen eine trotzdem interessante und berührende Geschichte erzählt. Ich will hoffen, dass es immer noch solch engagierte Bestatter gibt, die nicht nur lieblos die Asche auskippen als wäre sie Müll.

    Meine Rezension gibt’s hier: https://filmkompass.wordpress.com/2014/09/17/still-life-2013/

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