Posted by herr.filmtanz on Jul 11, 2015

Im Keller | Ulrich Seidl | Kritik

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“Der Keller ist die Seele des Menschen” oder “Die Seele ist der Keller des Menschen” ?

Ein Keller, ist eine Ebene zwischen Himmel und Hölle. Ein Ort, welcher nicht im direkten Kontakt mit dem sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegenden Blicken und Gedanken der Menschheit steht. Ein Keller steht nur selten in Filmen für etwas von unglaublicher Schönheit. Erinnert man sich an “Jack Ketchum’s Evil”, wird einem sofort kotz übel. Mann muss aber nicht ganz so weit nach unten in das Erdreich abtauchen. In “Blue Velvet”, von David Lynch, erblicken wir dicht unter dem perfekten Rasen eine Unterwelt, welche zwar unglaublich düster ist, aber auf jeden Menschen eine abartige und begeisternde Faszination ausübt. Heruntergelassene Rollläden dienen in dem Film “Michael”, von Markus Schleinzer, als Erweiterung der Hölle in Richtung Himmel.

Wir reden hier also von der Unterwelt im Menschen. Von Dingen welche Menschen in ihrer Intimzone Keller tun, in einem scheinbar rechtsfreien Raum, einem Ort des Vergessens und der Sicherheit, welcher noch intimer ist als der Blick in einen fremden Badezimmerschrank.

Ulrich Seidl nutzt quasi die Schwerkraft aus, und möchte uns in die unterirdische Welt der Menschen mitnehmen. Hier haben wir es mit einer Schlangen zu tun, welche blitzschnell die Starre der Fotografie durchdringt. Menschen welche mit solch einer Starre in ihrer Kellerbar porträtiert werden, dass sie unsichtbar erscheinen. Im Keller kann man, neben der Wäsche, bestimmt auch seine Seele reinwaschen und unbeobachtet mit ihr reden.

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Erschreckender sind dagegen unterirdische Schiessanlagen – Achtung, auf die Zuschauer wird geschossen – bei welchen man sich sagt, solche widerlichen Menschen sind es, welche uns auf diesem Planeten noch Kopf und Kragen, mit ihrer Blindheit und Eingeschränktheit, kosten werden. Das abartigste ist hier sicherlich, als einer in Mitten des Herrenzimmers im Keller stolz berichtet, dieses gemalte Porträt von Hitler ist mein schönstes Hochzeitsgeschenk. Befremdlich zwar, aber im Herzen psychologisch greifbar, sind dann Szenen, in denen eine Frau mit einem lebensechten Baby aus einem Karton im Keller spricht.

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Natürlich ist klar, vielen dieser Menschen begegnet man leider auch jeden Tag auf der Straße. Ulrich Seidl zeigt hier fast ohne Ausnahme Menschen, welche einem mit Lichtgeschwindigkeit bei Sonnenlicht betrachtet, unglaublich unsympathisch sind. Schlangen im Keller, Tierfolter, hunderte tote Tierköpfe im ganzen Haus, Hitler an der Wand, Kellerbar mit Volksmusik.

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Ulrich Seidl, ich achte diesen österreichischen Regisseur dank seiner fantastischen fiktiv dokumentarischen Trilogie “Paradies: Liebe – Paradies: Glaube – Paradies: Hoffnung” sehr.

Irgendwie ist man dann doch froh, dass einem dieses SM-Pärchen so sympathisch war. Auch wenn das echt komisch klingt, sie sind die einzigen wirklich sympathischen Figuren in dieser Dokumentation 😀 Wenn man nackt, mit Gewichten an den Hoden spült, und sie “Im Keller” wiederfindet, schützt einen ein Anal-Plug vor der Unterwelt, und mit dem Flaschenzug wird das ganze dann gegen Himmel gestreckt 😀

Ulrich Seidl liefert hier zwar keine Durchleuchtung “Im Keller” oder sagen wir besser von Stellen an denen die Sonne besser nicht strahlt. Die Lektion, was man mit der Zunge für tolle Dinge machen kann, vielleicht hätte er sich, bei der offensichtlichen Begeisterung für dieses Thema, darauf fixieren sollen. Klar ist, nicht nur die Dusche kann man mit der Zunge Blitz blank lecken 😉 Loben muss ich hier auch die Fotografie der Bilder. Momente bei denen Menschen zum Stillleben mit ihrer Seele im Keller werden.

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Produktionsland: Österreich
Produktionsjahr: 2014
Genre: Dokumentation
Regisseur: Ulrich Seidl

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