Posted by herr.filmtanz on Jul 25, 2015

Wir sind jung. Wir sind stark. | Eskalation Ausländerhass | Burhan Qurbani | Kritik

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Mit Steinen auf Zuschauer werfen ?

24. August 1992 in Rostock-Lichtenhagen. Hilfesuchende Menschen welche eine Perspektive suchen, die Desillusionierung der Jugendlichen, Jugendliche die scheinbar aus purer Langeweile nach Rechts abrutschen, kraftlose und schlaffe Politiker, hilflose Polizei, und Menschen die auf der richtigen und der falschen Seite stehen. Der Regisseur Burhan Qurbani zeichnet hier sensibel ein Portrait jener abartigen Nacht und versucht in seinem Panorama alle Blickrichtungen zu berücksichtigen. Schaut man sich nach dem Film das Panorama im Geiste an, stechen stark inszenierte Momente zwar hervor, man spürt aber auch eine deutliche Überladung mit Elementen, welches dazu führt, dass es hier an durchgezeichneter Kraft und durchgängigem Transport fehlt.

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‘Wir sind jung. Wir sind stark.’ ist großartig und kunstvoll fotografiert. Das ist zum einen, gerade in einem deutschen Film, positiv zu erwähnen, führt aber auch dazu, dass man sich in Momenten, in denen man weinend und verzweifelt in einer Ecke kauern möchte, zu wohl fühlt als Zuschauer.

Intensives Kopfschütteln ruft vor allem der von Devid Striesow gespielte SPD-Politiker Martin hervor. Seine Schlaffheit und sein Phlegma zeichnen hier, bis auf eine sehr starke Szene, eine lächerliche Karikatur. Bei der Wichtigkeit des Themas Ausländerhass bricht dieses dem Film fast das Genick. “AUSLÄNDERHASS UND FREMDENFEINDLICHKEIT, EIN LAUTES INTENSIVES NEIN”. Stellen der Belustigung, wenn auch bestimmt vom Regisseur nicht gewollt, sind hier absolut fehl am Platz.

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‘Wir sind jung. Wir sind stark.’ ist ein sensibel gezeichnetes Panorama jenes abartigen Tages, am 24. August 1992 in Rostock-Lichtenhagen. Der Regisseur Burhan Qurbani liefert hier einen wichtigen und auch stellenweise kraftvollen Beitrag zum immer brandaktuellen Thema Ausländerhass, er verpasst es aber, die einen Steinwurf von der Leinwand entfernten Zuschauer, wirklich am Kopf zu treffen. Denk man jetzt an das Gemälde “Der Schrei”, des norwegischen Malers Edvard Munch, beschreibt es etwa, was ich an dem Film als nicht fertig gemaltes Bild empfinde.

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Rostock-Lichtenhagen 1992. In der verödeten Wohnsiedlung hängen die Jugendlichen herum und wissen nichts mit sich anzufangen. Tagsüber gelangweilt, harren sie der Nächte, um gegen Polizei und Ausländer zu randalieren. Auch Stefan (Jonas Nay), der Sohn eines Lokalpolitikers (Devid Striesow), streift mit seiner Clique ziellos durch die Gegend. Es brodelt, aber immer nur bis kurz vor dem Siedepunkt. Ohne Job und eine Aufgabe finden die Freunde immer nur sich selbst als Ziel kleinerer und großer Grausamkeiten. Liebe ist austauschbar, Freundschaft und Loyalität sind nur Beiwerk einer aufgesetzten Ideologie.

Auch Lien (Trang Le Hong) lebt mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin in der Siedlung, im sogenannten ‘Sonnenblumenhaus’, das von Vietnamesen bewohnt wird. Sie glaubt in Deutschland eine Heimat gefunden zu haben und will auch nach der Wende bleiben. Ihr Bruder dagegen plant die Rückkehr, weil er vor dem Hintergrund der wachsenden Anfeindungen um die Zukunft seiner Familie fürchtet…

‘Wir sind jung. Wir sind stark.’ erzählt die Geschichte eines Tages, dem 24. August 1992, aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Menschen. Sie alle eint die Sehnsucht nach einer Heimat, Liebe und Anerkennung. Doch am Ende dieses Tages werden einige von ihnen um ihr Leben fürchten, während andere Molotow-Cocktails werfen und Interviews geben. Burhan Qurbanis Film zeigt, wie eine Gesellschaft vor den Augen der Weltpresse, in einer der schlimmsten Ausschreitungen der Nachkriegsgeschichte, moralisch gegen die Wand fährt.

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Regie: Burhan Qurbani
Schauspieler: Devid Striesow, Joel Basman, Saskia Rosendahl, Jonas Nay, Trang Le Hong
Genre: Drama
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2014
Laufzeit: 123 Minuten

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