Posted by herr.filmtanz on Oct 1, 2015

Finsterworld | Frauke Finsterwalder | Kritik

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“Bitte die höchste Wagenklasse und auf keinen Fall so ein Naziauto. Kein Mercedes, BMW oder Porsche.” (Zitat)

Die Regisseurin Frauke Finsterwalder seziert hier etwas wahnsinnig deutsches, mit provokanten Sätzen an einem Ort, an dem die traumatisierende Wirkung des Nationalsozialismus, bis heute noch, tief in der Struktur zu fühlen ist. Zusammen mit ihrem Ehemann und Drehbuchautor Christian Kracht hat sie diesen grandiosen Heimatfilm mit Tiefenwirkung herausgearbeitet.

Beachtlich ist natürlich, dass wir in Deutschland den Panzerwagen soweit optimiert haben, um mit ihm, hermetisch von der Aussenwelt isoliert, sich ohne Tempolimit zu Tode zu rasen.

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Sind die Kekse erst einmal im Ofen und nicht verbrannt, fragt keiner mehr, wenn sie gut geschmeckt haben, nach den Zutaten. Während dann im gedanklichen Nachhall die Fußcreme einwirken darf, ist Zeit darüber nachzudenken, wie hässlich die Deutsche Flagge ist, wie unerträglich einem das deutsche Liedgut im Grunde im Halse würgen sollte und was wir von der hässlichen und funktionalen Architektur der nach dem Zweiten Weltkrieg mit Beton zugeschmierten Städte zu halten haben.
Und spätestens wenn Sätze wie “So, jetzt kommt wieder die Maschine” und “Hättest du mich auch geheiratet, wenn ich ein Tattoo hätte” fallen und plötzlich einen unbehaglichen Sinn ergeben, wird einem wirklich schwarz vor Augen. Die Tatsache, dass die Schüler in dem Film eine Andeutung einer Uniform tragen, ist als sehr bitter und auch genial zu bezeichnen.

Frauke Finsterwalder, welche mit ihrem Ehemann in Kenia und in Florenz lebt, sagt in einem Interview “Ich hätte mich gar nicht getraut, so einen Film in Deutschland zu schreiben.” – Ich bin ihr sehr dankbar dafür!

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Abschliessend bleibt noch festzustellen, dass es wirklich großartig ist, mit welcher ironischen Distanz sich Finsterwalder, mit der Rolle der neurotischen Dokumentarfilmerin, gespielt von der wunderbaren Sandra Hüller, in den Film geschrieben hat.

“Na, ihr Spasmos? Ready for the KZ-Besuch” (Zitat)
Einer der schrecklichsten Sätze in dem Film “Finsterworld” – ausgesagt von einem Schüler in einer angedeuteten Uniform. Denkt man zudem an das Meisterwerk “Blue Velvet” von David Lynch, des Weiteren dann an mit dem Zentimetermaß abgemessenen und mit der Nagelschere geschnittenen Rasen in Deutschland, muss man wirklich sagen, dass einem dabei wirklich sehr schlecht unter der eigenen Haut.

Danke an Frauke Finsterwalder und Christian Kracht für diese deutliche Aussprache mit Tiefenwirkung, welche es in Deutschland zu selten zu sehen und besonders zu fühlen gibt.

Den folgenden Interview-Clip, mit den gradiosen Hauptdarstellern, möchte ich euch noch ans Herz legen.

‘Finsterworld’ spielt in einem scheinbar aus der Zeit gefallenen Deutschland. Ein Land, in dem immer die Sonne scheint, Kinder Schuluniformen und Polizisten Bärenkostüme tragen, und Fußpfleger alten Damen Kekse schenken. Jedoch lauert hinter der Schönheit dieser Parallelwelt der Abgrund, und dorthin geht die Reise…

Regisseurin Frauke Finsterwalder zeigt in ‘Finsterworld’ ein Universum von schlafwandlerischer Schönheit, gleichsam verzaubernd und entzaubernd, mit einer nachhaltigen poetischen Wucht. Liebevoll, absurd und zerstörerisch zeichnet sie ihre Helden in diesem idyllesabotierenden Heimatfilm. Das ist ganz sicher kein Realismus. Und wenn es nicht so grausam wäre, dann wäre es furchtbar komisch. Das Drehbuch entstand gemeinsam mit Bestsellerautor Christian Kracht (‘Faserland’, ‘Imperium’).

Finsterworld-Poster

Regie: Frauke Finsterwalder
Drehbuch: Christian Kracht, Frauke Finsterwalder
Hauptdarsteller: Corinna Harfouch, Christoph Bach, Ronald Zehrfeld, Sandra Hüller, Margit Carstensen, Johannes Krisch, Jakub Gierszal, Carla Juri, Bernhard Schütz, Michael Maertens, Max Pellny, Leonard Scheicher
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2013
Gerne: Satire, Heimatfilm

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One Response to “Finsterworld | Frauke Finsterwalder | Kritik”

  1. franziska-t says:

    Mir fiel es schwer den Film überhaupt einem Genre zuzuordnen, aber das empfand ich weniger als Problem, sondern eher als Kompliment für den Film. Er sticht aus der Masse der Schweiger-Rom-Coms und historisch korrekten Geschichtsstunden heraus und regt zum Nachdenken an.

    Hier meine Review: https://filmkompass.wordpress.com/2013/10/23/finsterworld-2013/

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