Posted by herr.filmtanz on Nov 7, 2015

Ich seh, ich seh | Veronika Franz und Severin Fiala | Kritik

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Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.

Wie in einem Heimatfilm aus Österreich fühlt man sich, wenn zur Eröffnung die Kinder im Dirndl und Lederhosen das jedem bekannte Schlaflied “Guten Abend, gute Nacht” schmettern. Ein herzliches “Gute Nacht” bekommt man von der erwachsenen Frau in dieser Gesangsgruppe mit auf diese Filmreise. Bei Lichte betrachtet bekommt man von diesem Schlaflied bestenfalls Albträume. Der Zuschauer sollte sich an dieser Stelle sofort von dem Gedanken lösen, dass er sich gleich auf einer traumhaft schönen Alp befindet. Sehr interressant ist der spiegelbildliche Filmtitel “Ich seh, ich seh”, welcher die Sichtweise der beiden Zwillingsbrüder Elias und Lukas beschreibt. Spielt man mit diesen Worten etwas im Geiste, kann man dem Zuschauer an dieser Stelle auch ein “Seh ich, seh ich?” mit auf den Weg geben.

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Wurde einem gerade noch eine gute Nacht gewünscht, umschweben wir gespenstisch die beiden neunjährigen Zwillingsbrüder Elias und Lukas (Elias und Lukas Schwarz), während sie durch ein messerscharfes Maisfeld rennen und Verstecken spielen. Ich musste mich in diesem Moment an eine Szene in dem Meisterwerk “Sag nicht, wer du bist!”, von Xavier Dolan, erinnern.
Eigentlich ist es der Traum eines jeden Jungen, diese wunderbare und menschleere Natur, ihre Höhlen und Verstecke zu erforschen. Ab der ersten Sekunde schwingt hier etwas sehr beängstigendes und düsteres im Raum – eine ungreifbare Angst. Wenn man mit den beiden Jungs, mit ihrer unschuldigen Schönheit, im absoluten Schwarz verschwindet, traut man sich als Zuschauer kaum zu atmen.

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Taucht man aus diesem märchenhaften Wald heraus, erblickt man den avantgardistischen Bungalow, welcher wirkt, als wäre der Architekt der leibhaftige Teufel. Elias und Lukas tauchen ein in dieses scharfkantige und kalte Innere. Bei heruntergelassener Jalousie erblicken die beiden Jungs ihre Mutter (Susanne Wuest), welche sie durch ihre geschwollenen Augen, nach einer Schönheitsoperation, wie eine bandaschierte Mumie mit freudloser Kälte begrüsst. Die beiden Jungs können nicht glauben, dass dieses ihre Mutter ist, sieht sie doch einer Freundin sehr ähnlich. Unerbittlich und unaufhaltsam werden sie den Fremdkörper bearbeiten, um die Wahrheit zu erzwingen.

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Wer ist diese Frau, ist das unsere Mutter ? Mit teuflischer Intensität begeben wir uns mit Elias und Lukas auf eine Reise voller Fallen und Köder, bis einem bei der Auflösung das Blut in den Adern gefriert. Prägt euch sehr genau den folgenden Satz ein: “Das Muttermal, das hatte meine Mutter mal”. Mehr darf und sollte man zu diesem genialen Werk nicht schreiben, ein Ge­niestreich ist es.

Als würde man die Elemente Feuer und Wasser gleichzeitig im eigenen Körper fühlen. Unbeschreiblich ist dieses Meisterwerk von Film aus Österreich. Den Filmemachern Veronika Franz und Severin Fiala, den Zwillingsbrüdern Elias und Lukas Schwarz, sowie dem Kameramann Martin Gschlacht, ein grosses Lob für diese virtuose Leistung. Eine Bitte noch, atmet vor dem Film tief durch, ihr werdet den Sauerstoff brauchen, wenn Blicke mit tödlicher Schärfe den Raum durchschneiden.

“Ich seh, ich seh” ist FineArt-Horror mit diabolischer Intensität!

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In einem abgelegenen, idyllischen Haus am Waldrand genießen die Zwillingsbrüder Lukas (Lukas Schwarz) und Elias (Elias Schwarz) die Sommerferien. Die beiden streunen zwischen Waldsee und Maisfeld umher und können die Ankunft ihrer Mutter (Susanne Wuest) kaum erwarten. Als sie jedoch nach einem Unfall aus dem Krankenhaus mit einbandagiertem Gesicht zurückkehrt, sind alle früheren Gewissheiten verschwunden. In der strengen Frau, die nun vor ihnen steht, können sie ihre Mutter kaum wiedererkennen. Schon bald werden sie den Zweifel nicht mehr los, dass eine Fremde die Kontrolle übernimmt. Während die Mutter versucht, den sich regenden Widerstand zu ersticken, machen sich die Kinder mit der ihnen gebotenen Gründlichkeit daran, die Wahrheit herauszufinden. Ein existentieller Kampf um Identität und Urvertrauen entspinnt sich.

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Regie: Veronika Franz und Severin Fiala
Hauptdarsteller: Susanne Wuest, Elias Schwarz, Lukas Schwarz, Hans Escher
Produktionsland: Österreich
Produktionsjahr: 2014
Genre: Drama

“Ich seh, Ich seh” – Interview mit Veronika Franz & Severin Fiala

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