Posted by herr.filmtanz on Nov 28, 2015

Slow West | Michael Fassbender | Kodi Smit-McPhee | Caren Pistorius | Kritik

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Steriler Hochglanz-Western mit Kurzschluss im Herzen ?!

Der Regisseur John Maclean präsentiert uns hier sein Regiedebüt, in seinem komplett entschleunigten Western “Slow West”. Man hat den Eindruck, als hätte sich der Regisseur gedacht: Mir geht es so auf die Nerven, wie aktuelle Western auf der Leinwand gefeiert werden, ich möchte dem meine ganz eigene Handschrift entgegensetzen.

Der 16-jährige Jay Cavendish (Kodi Smit-McPhee) ist das, was ich einen bewundernswerten Träumer nenne. Man steigt in den Film ein und bewundert, daß er im Stande ist Sternbilder zu lesen. Zusammen macht man sich auf den Weg, zu der von ihm angebeteten Rose (Caren Pistorius). Fast wäre “Slow West” ein Kurzfilm geworden, würde da nicht Silas (Michael Fassbender) einen räuberischen Menschen mit einem Kopfschuss niederstrecken. Jay und Silas machen sich zusammen auf diese Reise, um das für sie bestimmte Ziel zu finden. Der ruhige Ritt durch die Landschaft wird unterbrochen durch Szenen, welche wie ein Bühnenstück in der Prärie wirken. Mal poetisch, mal mit leisem Witz und mal mit Ironie gezeichnet.

Fast verzweifelt wirkt es auf mich, wenn man “Slow West” in Lethargie folgend, nicht mal eine einzige Emotion abverlangen kann, etwa wenn zwei junge Mädchen mit einem tragischen Lebenseinschnitt konfrontiert werden. Durchdringend präsent ist die emotionslose Starre, mit welchem man in die Gesichter von Michael Fassbender und Kodi Smit-McPhee blickt und sagt, sprich doch endlich mal zu mir, du Gesicht.

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Zunächst ist man beeindruckt, von der messerscharfen Tiefenschärfe der Fotografie, vom Kameramann Robbie Ryan (“Fish Tank”). Die Art der gewandelten Fotografie ist es dann hier, welche die Leinwand zu einer eindimensionalen Fotografie dekradiert. Hier gibt es, bis auf großartig im Detail fotorafierte Momente, nur eine Aneinanderreihung von Stimmungs-Clips. Es fehlt komplett der Zusammenhalt einer Schwingung, welche den Zuschauer in den Film einsaugt. Fast durchgehend hat man das Gefühl, nicht Teil dieses Films werden zu können. Das ist sehr schade, weil das Drehbuch zwar einfach ist, es aber bestimmt Potenzial hat.
In mir herrscht ein großes Unverständnis, was der Regisseur John Maclean, mit dieser emotionslosen Kälte bewirken wollte. Michael Fassbender und Kodi Smit-McPhee wirken wie Schaufensterpuppen in ihrer Rolle, undurchdringbar. Das Herz atmet wirklich kurz auf, wenn Rose (Caren Pistorius) die Leinwand mit fühlbaren Emotionen zum Schwingen bringt. Überhaupt sind es die Nebenrollen, welche dem Film doch noch eine sehenswerte Lebendigkeit verleihen.

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Mit “Slow West” widersetzt sich der Regisseur John Maclean den gewohnten Sehgewohnheiten im Gerne Western. Er entsättigt sein Werk fast vollständig von Emotionen, überträgt diese schwere Aufgabe auf den Zuschauer. Ein Zuschauer, welcher gewohnt ist, mit einer Tüte Popcorn in der Hand, der Tötung eines Kindes beizuwohnen, in einem hoch gefeierten Werk – von mir nicht nachvollziehbar. In der Abschlussszene bekommt der Zuschauer dann seine emotionale Behinderung des Sehens und Fühlens fast dokumentarisch wirkend unter die Nase gerieben. Man fühlt sich in diesem Moment ertappt.

“Slow West” wirkt wie ein frisch geduschter und steriler Hochglanz-Western. Vielleicht hilft wirklich Absinth, damit der Regisseur besser ins Herz trifft, statt dem Zuschauer einen schmerzlichen Kopfschuss zu verpassen, zu hoffen bleibt es! In meinem Gehirn immer noch in Diskussion. Eines ist klar, cooler und mit mehr zusammenhalt kann man seine Wäsche nicht trockenen, wirklich nicht 😀 Schaut selbst :-)

Die neuseeländische Schauspielerin Caren Pistorius, gebohren in Südafrika, sie muss ein Engel sein, eine echte Entdeckung. Selbst in ihrer kleinen Nebenrolle, als Rose, erfasst sie das Herz und die Seele der Leinwand in einem Bruchteil einer Sekunde 😀

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Michael Fassbender auf einem außergewöhnlichem Trip ins Herz des Westens: Im amerikanischen Westen des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist kaum jemand so sehr fehl am Platz wie Jay Cavendish (Kodi Smit-McPhee). Der naive 16-Jährige und Sohn aus adligem Hause ist auf eigene Faust aus Schottland aufgebrochen, um das Mädchen zu finden, an das er sein Herz verloren hat. Doch obwohl er mit einem Kompass auf seinem Pferd unterwegs ist und nachts mit Revolver in der Hand schläft, ist er überhaupt nicht vorbereitet auf das Abenteuer, das ihn in Colorado erwartet. Da kommt der wortkarge, aber treffsichere Vagabund Silas Selleck (Michael Fassbender), der sich ihm als Wegbegleiter Richtung Westen anbietet, gerade recht. Dass der Fremde dabei auf mehr aus ist als die 100 Dollar, die er für seine Dienste verlangt, ahnt Jay nicht. Denn tatsächlich ist auf seine Angebetete und ihren Vater in der neuen Welt ein hohes Kopfgeld ausgesetzt, und so sind Wölfe und Indianer bald nicht die einzigen, die Jay und Silas durch Prärien und Wälder verfolgen.

Den klassischen Regeln des Western zu folgen und dem Genre gleichzeitig zu frischem Wind und einem modernen Anstrich zu verhelfen – dieses bemerkenswerte Kunststück gelingt ‘Slow West’ auf spannende und unterhaltsame Weise. Die Hauptrolle der ebenso bildgewaltigen wie poetischen Geschichte spielt Shooting-Star Kodi Smit-McPhee, der mit der Bestseller-Verfilmung ‘The Road’ bekannt wurde. Tatkräftige und bisweilen undurchsichtige Unterstützung bekommt er dabei vom Oscar-nominierten Michael Fassbender, der nach Filmen wie ‘Shame’ (2011), ‘Prometheus’ (2012) oder ’12 Years a Slave’ (2013) seine Karriere mit ‘Slow West’ (2015) um eine faszinierende neue Facette ergänzt.

Für den Schotten John Maclean, seines Zeichens Gründungsmitglied der erfolgreichen Indie-Band ‘The Beta Band’, stellt ‘Slow West’ sein Kinodebüt dar. Seine Weltpremiere feierte ‘Slow West’ 2015 beim Sundance-Filmfestival, wo er mit dem ‘Grand Jury Prize’ ausgezeichnet wurde. Anschließend war ‘Slow West’ auch bei ‘Tribeca’ und zahlreichen weiteren Festivals zu sehen. Produziert wurde der Film unter anderem von Iain Canning und Emil Sherman, den Oscar-prämierten Produzenten von ‘The King’s Speech’ und ‘Shame’.

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Regie: John Maclean
Hauptdarsteller: Michael Fassbender, Kodi Smit-McPhee, Ben Mendelsohn, Rory McCann, Brooke Williams, Caren Pistorius
Kamera: Robbie Ryan (“Fish Tank”)
Genre: Western
Produktionsland: Großbritannien, Neuseeland
Produktionsjahr: 2015

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