Posted by herr.filmtanz on Jan 4, 2016

Das blaue Zimmer | Mathieu Amalric | BlitzKritik

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“Ernsthaft, Julien, wenn ich auf einmal frei wäre, könntest du dich dann auch frei machen?” “Was sagst du?” Ein Mann und eine Frau lieben sich heimlich in einem Zimmer, sie begehren einander, sie wollen einander und beißen sich vor Leidenschaft. Danach tauschen sie für einen kurzen Moment noch Nichtigkeiten aus. Auf jeden Fall will das der Mann glauben. Doch dann wird er verhaftet, von der Polizei verhört und findet keine Worte mehr. Was ist passiert? Wessen wird er eigentlich beschuldigt?

Einleitend befindet man sich mit den beiden Liebenden Julien (Mathieu Amalric) und Esther (Stéphanie Cléau) in einem blauen Hotelzimmer, ist Zeuge einer intensiven Affäre. Es wird wenig gesprochen und doch sind hier alle Bilder und Worte von aller größter Wichtigkeit. Schweiß auf dem Körper der Liebenden, ein blutiger Biss auf die Lippe, ein Blick durch das halb geöffnete Fenster, ein Blick auf die Straße. Details bewegen sich durch den Raum und dringen in den Zuschauer ein.

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Später sitzt Julien beim Staatsanwalt (Laurent Poitrenaux), wo minutiös genau jedes Detail, jedes Wort, rekonstruiert wird. Als Zuschauer erfährt man sehr lange nicht, welches Verbrechens er angeklagt wird, welche wahre Dimension dieses Verbrechen hat. Wie Puzzleteile, bestehend aus die Erinnerung beschreibende Worte und Rückblenden, beginnen sich diese im Geiste zu bewegen, wollen zu einem Gesamtbild vereint werden, einer Antwort. Stellenweise ertappt man dann Julian, daß die Worte aus seiner Erinnerung selbst schon eine Interpretation erfahren haben, sie nicht mehr in Deckung zu bringen sind mit den Bildern der Rückblenden. Was ist Interpretation und was ist Wahrheit ? Kann ein nachträgliches Rekonstruieren überhaupt jemals die Wahrheit sein ?

Der Regisseur Mathieu Amalric bringt in diesem Puzzle der Wahrheitsfindung die beteiligten Elemente im Geiste in eine intelligente und spannende Rotation und Schwingung. DAS BLAUE ZIMMER, mit seiner durchaus kunstvollen Fotografie, ist mit seinen gerade mal 76 Minuten ein kleines aber auch feines Werk.
Schon bei MOMMY hat Xavier Dolan mit seinem 1:1 Format verstanden, die Schwingung zum Zuschauer zu konzentrieren. Mit dem hier vorliegenden 4:3 Format funktioniert das ebenfalls ganz prächtig.


Über den Regisseur und Hauptdarsteller: Mathieu Amalric wurde am 25. Oktober 1965 geboren und lebt in Paris. Dank Otar Losseliani entdeckt er das Kino. Er hat als Regieassistent, Schnittassistent und Regisseur für Louis Malle, Danièle Dubroux, Peter Handke, Alain Tanner, J.C.Monteiro oder Romain Goupil gearbeitet, und drehte dabei eigene Kurzfilme. 1991 lernt er Arnaud Desplechin beim Angers Premier Plans Filmfestival kennen, der ihn zum Schauspielern einlädt. Seitdem macht er beides.

Über den Autor der Buchvorlage: Georges Simenon, 1903 in Lüttich geboren, ist der meistgelesene belgische Schriftsteller der Welt und an dritter Stelle der französischsprachigen Autoren, nach Jules Verne und Alexandre Dumas. Da der Erfolg seiner Krimis den Rest seines Werkes überschattet, gilt es daran zu erinnern, dass Simenon auch zahlreiche Novellen, Artikel und Reportagen geschrieben hat und zahllose Groschenromane unter einem Pseudonym veröffentlichte. Simenon verließ mit 15 Jahren die Schule und fing bei der Lütticher Tageszeitung ‘Gazette de Liège’ an zu schreiben. Sein erstes Werk ‘Au pont des arches’ schrieb er 1920. Zwei Jahre später ging er nach Paris und veröffentlichte Kurzgeschichten und Erzählungen in verschiedenen Tageszeitungen. 1930 schuf er seine berühmteste Figur, den Kommissar Maigret. Im folgenden Jahr begann er mit Jean Renoir an der filmischen Umsetzung seines Werkes zu arbeiten. Während Simenon überaus emsig schrieb, reiste er sein ganzes Leben lang durch die ganze Welt. Er ließ sich sogar eine Zeit lang in den USA nieder, später in Québec. Sein letzter Roman ‘Maigret und Monsieur Charles’, das 193. Buch seiner Karriere, wurde 1972 veröffentlicht. Obwohl er überall gefeiert wurde, zog er sich nach und nach aus der Öffentlichkeit zurück, um seine ‘Mémoires intimes’ zu schreiben. Simenon starb am 4. September 1989 in Lausanne.


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Regie: Mathieu Amalric
Hauptdarsteller: Mathieu Amalric, Léa Drucker, Laurent Poitrenaux, Stéphanie Cléau, Mona Jaffart
Genre: Drama, Thriller, Krimi
Produktionsjahr: 2014
Produktionsland: Frankreich

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