Zurich – Die getäuschte Frau | Wende Snijders | Sacha Polak | Kritik | ARTHOUSE CINEMA
Posted by herr.filmtanz on Feb 20, 2017

Zurich – Die getäuschte Frau | Wende Snijders | Sacha Polak | Kritik

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Ein Gepard sitzt auf einer gewöhnlichen Landstraße, im Focus eine in schwarz gekleidete Frau, welche mit ihrem roten Kleinwagen in einem Flusslauf gelandet ist. Mit dieser intensiven Szene eröffnet die niederländische Regisseurin ihr atemberaubendes Meisterwerk ‘Zurich’ (‘Die getäuschte Frau’).

Nina (Wende Snijders) steht in Trauerbekleidung mitten in ihrem Problem. Hier scheint es auf den ersten Blick kein Entkommen zu geben. Der Bewältigung der Trauer und des Verlustes direkt und frontal zu begegnen, ist aufgrund der Tatsache, dass ein Gepard bis zu 120 km/h schnell ist, keine Lösung. Der unweigerliche Tod, über kurz oder lang, ist er sicher. Gedanken sind wie ein Gepard, sie sind erbarmungslos. Der einzige Überlebensweg scheint zu sein, sich von dem Gepard abzuwenden, an das gegenüberliegende Ufer zu schwimmen, um ein neues Leben zu beginnen.

Nach dieser kurzen Einleitung, in der man in das von Schmerz gezeichnete Gesicht von Nina geblickt hat, beginnt dieses Werk direkt mit Teil 2 (“Hund”). Als Zuschauer ist man in höchster Anspannung, wird später verstehen, wie genial diese elliptische Erzählstruktur ist.

Auf einem Rastplatz steigt Nina aus einem Truck, und kotzt direkt auf die Straße. Es ist eine anonyme Welt. Zwar sind hier Menschen, aber dennoch ist man hier einsam, auf dieser Zwischenstation, bei der alle eines haben, ein Ziel vor Augen. Als Zuschauer fragt man sich, wo die Reise von Nina hingeht und wo sie herkommt ? Was ist in den 10 Jahren passiert ?

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Sie schmiegt sich an den Rücken eines Fremden, sucht Nähe und Halt. Wenn sie mit Freude, zusammen mit einer Country-Band singt, ist das nur ein kleiner Moment des Glücks. Wenig später erscheint aus ihrem Unterbewusstsein ein Geist, welchem sie folgt – folgen muss. Gedanken sind schnell, der Gepard ist schneller.

Durchgehend wird in diesem Werk wenig gesprochen, und wenn, sind die Sätze präzise terminiert. Mit Nina durchlebt man ihr Trauma am eigenen Körper, bis tief in die eigene Seele. Wenn die Kamera auf ihrem Gesicht verweilt fühlt man, in Nina tobt der Sturm der Verzweiflung und des Schmerzes. Intensive Erinnerungen sind es, welche sich im Gehirn niemals linear vollziehen können. Ein Wechsel zwischen realer und fiktiver Welt. Eine Wirkung, als greife man in einen schwarzen Raum, um nach Halt zu suchen.

Lebensmomente der Trauer, wenn sie dazu noch potenziert werden, sie sind niemals deterministisch. Nina, erlebt ein sehnsüchtig erhofftes und längst vergessenes Element in ihrem Leben der Verzweiflung, die Hoffnung. Momente des Glücks und der Freude. Doch reichen kleinste Störungen, wie etwa die Hand eines Kindes zu halten aus, und sie wird von ihrem rastlosen Inneren eingeholt. Den für Nina wichtigen Hund zu beleuchten, überlasse ich jedem Zuschauer selbst. Als Zuschauer schließt man mit einem Schrei ab. Momente des Schmerzes aber auch das Gefühl, es wurde etwas befreit. Ein Platz zum Hoffen.

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Teil 1 (“Boris”) ergänzt Teil 2 (“Hund”) (welcher als erstes gezeigt wird) um die Vorgeschichte. Als Zuschauer ist man bis zu diesem Zeitpunkt tief in das Leben von Nina eingetaucht. So ehrlich zu seiner Protagonistin, so authentisch und brutal, zeigt es die Leinwand mit solch einer Tiefenwirkung ausgesprochen selten. Lebensmomente des Glücks, gefolgt von Trauer, in denen jeder eine Antwort über das Warum verlangt. Nina spürt rechtzeitig, dass sie eine Gefahr für sich und ihr Geliebtes sein wird. Sie tut genau das Richtige, bevor der Gepard sie einholt. Genau hierbei zeigt sich die Genialität dieses Werks.

Ist es zu Anfang von “Zurich” noch eine leere Leinwand im Geiste des Zuschauers, findet man am Ende sowohl durchgezeichnete Stellen, wie auch Skizzen und komplett unangetastete Bereiche. Dem Zuschauer selbst obliegt die Aufgabe, dieses Bild fertig zu zeichnen. Zu hoffen bleibt, dass eine Sonne das Lebensporträt von Nina durchstrahlen wird. Das muss der Zuschauer selbst entscheiden, auch wenn es ein Leben lang dauert.

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In meiner Seele schwingen Meisterwerke, für welche ich tiefste und ehrliche Empathie empfinde, ein Leben lang in mir. Es sind wertvolle Lebensmomente, bei der es keine Grenze mehr zwischen Fiktion und Realität gibt, mich die Leinwand wie eine Parabel meines eigenen Lebens umhüllt. Einen besonderen Platz in meiner Filmseele und in meinem Herzen haben Werke wie “Nothing Personal” von Urszula Antoniak, “The Broken Circle Breakdown” von Felix Van Groeningen, “Mommy” von Xavier Dolan und “Leviathan” von Andrey Zvyagintsev.

Wie geht es Nina und Pien? Sekunden nach dem Aufwachen am nächsten Morgen der erste Gedanke. Ich bedanke mich aus tiefstem Herzen für dieses Werk. Großes Lob und eine Umarmung gehen erneut in die Niederlande, für Sacha Polak (Regie), Helena van der Meulen (Drehbuch) und ganz besonders an Wende Snijders als Nina, für ihre intensive und großartige Leistung. In den Niederlanden/Belgien gibt es einen geheimen Zaubertrank für Schauspieler, Regie und Buch – anders ist dieses Meisterwerk nicht zu erklären. Danke.

“Zurich”, ein herausragendes Kunstwerk, ein Schrei der Seele, wie der Versuch, unter Wasser zu atmen. Heftig. Brutal ehrlich. Ohne Filter. Eine Herausforderung des Lebens, mit Hoffnung.

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Regisseurin Sacha Polak erzählt in ‘Zurich – Die getäuschte Frau’ mit der großen emotionalen Wucht von ‘Broken Circle’ und der sensiblen Kunstfertigkeit eines Krzysztof Kieslowski die faszinierende Geschichte einer Frau, auf deren Gefühlsreise der Zuschauer durch die außergewöhnlich komponierte Erzählstruktur immer wieder verblüfft wird. Stürmisch gefeiert auf der Berlinale 2015 und ausgezeichnet mit dem CICAE-Preis durch den internationalen Verband der Filmkunstkinos.

10 Jahre lang waren Nina und Boris ein Paar. Dann kommt Boris bei einem tragischen Unfall ums Leben, und Ninas Welt gerät ins Wanken – jedoch nicht nur durch den Verlust ihres Partners, sondern vor allem durch die Erkenntnis, dass sie den Menschen, dem sie so nahe zu stehen glaubte, offenbar kaum kannte. Boris hat offenbar all die Jahre ein Doppelleben geführt. Nina (Wende Snijders) wird von den Enthüllungen fast aus der Bahn geworfen. Sie begibt sich auf eine bestürzende Reise in ihre Vergangenheit – bis sie einem neuen Mann, Matthias Fortun (Sascha Alexander Gersak), begegnet…

Regie: Sacha Polak
Drehbuch: Helena van der Meulen
Hauptdarsteller: Barry Atsma, Sasha Alexander, Walera Kanischtscheff, Sascha Alexander Geršak, Tristan Göbel, Eva Duijvestein, Wende Snijders
Gerne: Drama
Produktionsland: Deutschland, Niederlande, Belgien
Produktionsjahr: 2015
Originaltitel: Zurich

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