Posted by herr.filmtanz on Apr 16, 2016

Das brandneue Testament | Benoît Poelvoorde | Jaco van Dormael | BlitzKritik

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Gott existiert. Er lebt in Brüssel. Doch das ist leider nur die eine Seite der Medaille. Denn der Allmächtige (Benoît Poelvoorde) ist kein weiser Weltenlenker, sondern ein Familienvater, der frustriert im Bademantel durch die Wohnung schlurft und Frau (Yolande Moreau) und Tochter Éa (Pili Groyne) tyrannisiert.

Ansonsten hockt Gott vor seinem Computer und tüftelt mit diebischer Freude jene dummen, sadistischen Gebote aus, die zu den Fragen führen, die die Menschheit bewegen: Warum fällt der Toast immer auf die Marmeladenseite, und weshalb erwischt man im Supermarkt grundsätzlich die langsamste Schlange an der Kasse? Als wäre das nicht schon schlimm genug, lässt er immer wieder Dampf ab, indem er Naturkatastrophen oder Kriege arrangiert.

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Irgendwann hat Éa die Nase voll. Höchste Zeit für eine Lektion, findet sie, und hackt sich in Gottes Computer ein. Die geheimste seiner geheimen Dateien, die Todesdaten aller Menschen, ist schnell geöffnet. Und dann dauert es nur noch ein paar Klicks, bis jeder Mensch auf Erden per SMS erfährt, wie lange er noch zu leben hat. Diese schockierende Botschaft nehmen manche besser auf als andere. Éa bricht fluchtartig auf, um auf der Erde sechs neue Apostel zu suchen, um ein brandneues Testament zu schreiben. Plötzlich denken alle Menschen darüber nach, was sie mit der ihnen verbleibenden Zeit anfangen wollen. Doch Gott ist der Meinung, dass er inmitten des ganzen Chaos auch noch ein gewaltiges Wort mitzureden hat.

Das Spektrum in “Das brandneue Testament” umspannt wahnwitzige Ideen bis zu Momenten, in denen man zu Tränen gerührt ist. Wunderbar ist es, wenn Éa den inneren Klang eines Menschen hören kann, und ihm einen klassischen Komponisten zuordnet. Gott, welcher seine Tochter schlägt, Alkoholiker und Kettenraucher ist, verdient es, sich auf der Erde manifestieren zu müssen. Er muss das Leid, welches er der Menschheit beschert, bis zum bitteren Ende selbst erfahren.

Das Brandneue Testament

Der belgische Regisseur Jaco van Dormael komponiert dieses Werk mit einem fantasievollen Flügelschlag im Geiste. An die immense Tiefenwirkung seines Meisterwerks “Mr. Nobody” reicht es gewiss nicht heran. Dafür wirkt “Das brandneue Testament” aber wunderbar als Antidepressiva gegen das graue Darsein. Wenn plötzlich die Welt, wie eine Blumenwiese erstrahlt, verlässt man mit einem glücklichen Gefühl die Leinwand.

Fantasie ist etwas Wundervolles. Viel öfter sollte man auf den Klang der eigenen Seele hören. Jaco van Dormael bringt die eigenen Synapsen bunt zum tanzen. Ich freue mich sehr auf sein nächstes Werk :-)

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Regie: Jaco van Dormael
Hauptdarsteller: Catherine Deneuve, Benoît Poelvoorde, Yolande Moreau, Pili Groyne, Romain Gelin
Genre: Komödie, Fantasy, Satire
Produktionsland: Frankreich, Belgien, Luxemburg
Produktionsjahr: 2015

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