Posted by herr.filmtanz on May 16, 2016

THE LOBSTER | Colin Farrell | Rachel Weisz | Giorgos Lanthimos | Kritik

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Sarkastische Pseudohalluzination im Wald

Wer wie ich, unter chronischer Parallelverschiebung des Denkens leidet, wird fast verrückt im Gehirn nach THE LOBSTER, vom griechischen Regisseur Giorgos Lanthimos. Versucht man doch, das vorhergehende so reale Meisterwerk DOGTOOTH in seinem Denkraum zu einer Einheit zu komponieren. Nimmt man dann noch das überagende Werk ANDERLAND vom Regisseur Jens Lien hinzu, traut man sich kaum mehr auf die Straße. Giorgos Lanthimos lässt Regionen im Gehirn erwachen, sich sie verschalten, welche man vorher noch nicht kannte. Wie löst man dieses Problem? Am besten wie bei MR. NOBODY vom belgischen Regisseur Jaco van Dormael ?

Eine Gesellschaft in der Zukunft, in der ein Leben zu zweit das oberste Gebot ist. Singles werden verhaftet und in eine Anstalt namens “The Hotel” gebracht, so auch David (Colin Farrell). Dort haben sie genau 45 Tage Zeit, um einen passenden Partner zu finden und in die Stadt entlassen zu werden. Scheitern sie, verwandelt man sie in ein Tier ihrer Wahl und wird im Wald ausgesetzt. Verlängern kann man den Aufenthalt und damit die Chance, einen Partner zu finden, indem man Einzelgänger mit einem Gewehr im Wald erlegt. Strenge Regeln herrschen in “The Hotel”. Etwa ist die Masturbation strickt verboten. Wird man erwischt, wird eine schmerzliche Strafe vollzogen. David gerät an eine potenzielle Partnerin, welche sich aber als psychopathisch herausstellt.

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Nach einem blutigen Ereignis gelingt David die Flucht aus dem Hotel in den Wald, wo allerdings ‘The Loners’ das Sagen haben. Das Dogma ihres restriktiven Regimes ist das Alleinsein. Partnerschaften sind untersagt. Doch David verliebt sich in eine Frau und verstößt damit gegen die Regeln. Mit brutalster Härte werden hier Verstöße geahndet.

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Nachdem die Strafe des Blutigen-Kusses einem wie ein Skalpell schneidend erschüttern, möchte man sich die Strafe Blutiger-Geschlechtsverkehr wirklich nicht vorstellen. Damit leben muss man aber, dass beim Masturbieren im Wald – das ist erlaubt – auch schon mal ein Kamel die Szene durchschreitet. David und die ebenfalls kurzsichtige Frau (Rachel Weisz) entwickeln Zwecks der geheimen Kommunikation eine Art Körper-Zeichensprache. Kaum auszudenken was passiert, wenn sie erwischt werden.

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Mit scharfer Präzision und beißendem Humor erzählt Regisseur Yorgos Lanthimos seine Geschichte wie eine dunkle, unheimliche Fabel. Urkomisch und abgedreht ist die Welt von ‘The Lobster’. Das Dialogkleid ist hierbei, wie auch schon bei DOGTOOTH, von einer Köstlichkeit.

Emotional entsättigt, die Reflexion der Gesellschaft nur leicht verschiebend, eröffnet sich plötzlich ein genialer Denkraum, welcher wie eine Offenbarung nachklingt. So weit von der Realität ist dieses radikalisierte Denkmodell dann doch nicht entfernt.

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Trotz der Radikalität, mit welcher der geniale griechische Regisseur Giorgos Lanthimos auch hier die Leinwand wunderbar zum Schwingen bringt, wirkt sein englischsprachiges Debüt “The Lobster” etwas gebremst. Es fühlt sich an, wie für ein größeres Publikum auf bessere Verträglichkeit getrimmt. Zu bemüht wirken die Schauspieler Colin Farrell, Rachel Weisz und Léa Seydoux in ihrer Rolle. Sie wirken wie ein Störfaktor, in diesem ansonsten genialen Denkgebäude. Zum Ende hin beschleicht einem das Gefühl, dass Colin Farrell stellenweise deutlich überfordert wirkt. Mit Hochgenuss genießt man dagegen die Schauspielerinnen Ariane Labed (“Attenberg”) und Angeliki Papoulia (“Dogtooth”), welche wundervoll in den Nebenrollen besetzt sind :-)

Der geniale griechische Regisseur Giorgos Lanthimos hat mit “The Lobster” ein radikales und großartiges Werk erschaffen. Gewünscht hätte ich mir Protagonisten, welche intensiver in ihrer Rolle aufgehen. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau. Zurück bleibt ein geniales Denkgebäude mit verträglichen Störfaktoren in den Zutaten.

Radikal. Surreal. Real. Reflektierend. Sarkastisch. Genial. The Lobster 😀

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Regie: Giorgos Lanthimos
Hauptdarsteller: Colin Farrell, Rachel Weisz, Ben Whishaw, Léa Seydoux, John C. Reilly, Jessica Barden, Ariane Labed, Olivia Colman, Michael Smiley, Angeliki Papoulia
Gerne: Drama, Komödie, Vision, Sci-Fi
Produktionsland: Frankreich, Irland, Großbritannien, Niederlande, Griechenland
Produktionsjahr: 2015

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