Posted by herr.filmtanz on Jul 9, 2016

DÄMONEN UND WUNDER – DHEEPAN | Jacques Audiard | KRITIK

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Demütigung fremder Kulturen

DÄMONEN UND WUNDER erzählt die Geschichte des ehemaligen Freiheitskämpfers Dheepan (Antonythasan Jesuthasan), welcher vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka nach Frankreich flüchtet. In einem heruntergekommenen Pariser Vorort lebt er zum Schein mit einer ihm fremden Frau und dem Vollwaisen Mädchen Illyaal (Claudine Vinasithamby). Die Pässe einer anderen Familie weisen sie als Familie aus. In ihrem Kampf um Anpassung und Hoffnung geraten sie mitten in einen blutigen Bandenkrieg.

Der französische Regisseur Jacques Audiard nimmt sich eine Stunde Zeit, um dem Zuschauer das Leben in der Pariser Banlieue zu vermitteln. Eine Sozialbausiedlung in der Randzone einer Großstadt, in welcher Drogenkriminalität und Bandenkriege die deutliche Sprache des Krieges sprechen. Die fotografische Nähe zur Kleinfamilie, sie täuscht über die immensen Schwächen dieses Werks hinweg.

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Die traumatisierte Scheinfamilie soll sich ausgerechnet hier ein Leben aufbauen, sich integrieren. Noch besser ist es natürlich, sie wachsen zu einer echten Kleinfamilie zusammen. Beschämend ist hierbei, dass hilfesuchende Menschen von einem Kriegsgebiet direkt in das Nächste versetzt werden und man dann ein Wunder erwartet. Über Generationen weitergegeben, scheint es aus diesem Teufelskreislauf kein Entkommen zu geben. Von der Gesellschaft ungeliebte Menschen, welche man keine Zukunft in Aussicht stellt. Die Nationalität spielt hier im Grunde eine untergeordnete Rolle. Hinzukommt, dass in DÄMONEN UND WUNDER offenbar auch die Präsenz von Polizei komplett fehlt, obwohl es hier täglich Bedarf der Deeskalation gibt. Der Regisseur scheint es sich hier zu einfach zu machen, es macht das Erlebte zu unrealistisch. Einen Bürgerkrieg einem Bandenkrieg gegenüberzustellen, ohne eine tiefergehende und differenziertere Betrachtung, empfinde ich als Zuschauer als eine Zumutung.

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Mit Spannung verfolgt man vor allem auch die Integration des Waisenkinds Illyaal (Claudine Vinasithamby), in diese fremde Welt. Geprägt von dem Fremdenhass der französischen Eltern, möchte keiner mit ihr auf dem Schulhof spielen. Statt dieses Potential für eine kleine und feine Geschichte, aus Sicht von Kindern zu nutzen, lässt er das verzweifelte Mädchen, wie aus dem Nichts, eine französische Schülerin verprügeln. Man hätte hier eine Offenheit gegenüber fremden Kulturen installieren können, anstatt sie zu demütigen, sie zu einer Entschuldigung zu zwingen. Kleine Menschen, welche aufeinander zugehen, ihren Eltern berichten, um sie zum Nachdenken anzuregen. Recht unbeholfen entschuldigt sich der Regisseur dann mit einem Mini-Satz, bei dem sie ihre “Mutter” fragt: “Darf ich zur Feier einer Schülerin gehen”.

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Kurz nachdem man die Scheinfamilie kennengelernt hat, sich für sie interessiert, in ihr neues Leben und ihre Probleme eindringt, erwachte dann plötzlich der Gedanke: Mit der Aura dieses Werks und dessen Schwingung der Nähe stimmt etwas nicht. Man ist sich sicher, dass der Regisseur Jacques Audiard die Maske abnehmen wird, um sein wahres Inneres und seine Gedanken zu enttarnen. Wie mit einer Regie-Brechstange prügelt Jacques Audiard dieses als einfühlsames Familiendrama begonnene Werk in einen brutalen Amoklauf, geführt aus der Hand des Guerillakriegers Dheepan (Antonythasan Jesuthasan).

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Unfassbar ist dann der Moment am Ende, als dem Zuschauer ein bunter “Blumenstrauß” der Entschuldigung überreicht wird. Der französische Regisseur Jacques Audiard versucht hier vergeblich und verlogen, ein sozial erkranktes System mit brachialen Selbstheilungskräften zu kurieren. Gewalt und Hass gedeiht dort, wo man sie aussäht. Momente, welche Respekt verdienen, weichen hier verächtlich einer zu einfachen und ohne Tiefe ausgeführten Umsetzung. Wunder kann man nicht erzwingen, nur umarmen, auf sie weiter hoffen. DHEEPAN ist eine bittere Demütigung fremder Kulturen. Das ist das wahre Gesicht von Europa ?

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Regie: Jacques Audiard
Hauptdarsteller: Vincent Rottiers, Marc Zinga, Jesuthasan Antonythasan, Kalieaswari Srinivasan, Claudine Vinasithamby
Gerne: Drama
Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 2015

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