Posted by herr.filmtanz on Oct 2, 2016

DIE POESIE DES UNENDLICHEN | Dev Patel | Jeremy Irons | Kritik

Für Srinavasa Ramanujan war jede ganze positive Zahl sein persönlicher Freund.

S. Ramanujan war ein indischer Mathematiker, welcher von 1887 bis 1920 lebte. Als Autodidakt entwickelte er überragende Fähigkeiten im Bereich analytischer und zahlentheoretischer Probleme. Im Laufe des Films werden zwei seiner Notizbücher vorgelegt. Es heißt dann, man bräuchte zwei Leben, um seine Genialität verstehen zu können und sie wissenschaftlich durch Beweisführung zu manifestieren. Erst 1976 tauchten seine Aufzeichnungen wieder auf. Bis heute gelten seine Theoreme als noch nicht vollständig bewiesen. Die Arbeit zur Partitionsfunktion von Srinavasa Ramanujan war auch der Ursprung der Kreismethode, die später von Hardy und Littlewood zu einer zentralen Methode der analytischen Zahlentheorie gemacht wurde.

Besonders Loben muss man den Regisseur Matt Brown dafür, dass er zwei(!) gestandene Mathematiker engagierte, welche dafür sorgten, dass jede gezeigte Formel und das darüber reden, von absoluter Richtigkeit sind. Schnell könnte man sonst an das Werk “A Beautiful Mind” denken, welches im Deutschen mit “Genie und Wahnsinn” betitelt wurde. Auch hier mit dem Originaltitel “The Man Who Knew Infinity”, welches übersetzt “Der Mann, der die Unendlichkeit kannte” bedeutet, hat sich die deutsche Übersetzung mal wieder tüchtig verhoben. Das Wort Poesie ist hier dahingehend falsch, als das hier nichts erfunden wird. Sie erfinden die Formeln nicht, sie existieren bereits.

Im kolonialen Indien des Jahres 1913 arbeitet der 25-jährige Srinavasa Ramanujan (Dev Patel) als einfacher Büroangestellter. Seine Berufung ist jedoch eine andere: Er hat ein einzigartiges Gespür für Mathematik. Wild entschlossen, seine Hingabe an die Zahlen trotz Ablehnung von Vorgesetzten und Familie zu verwirklichen, schreibt Ramanujan an G. H. Hardy (Jeremy Irons), einen bedeutenden britischen Mathematikprofessor am Trinity-College in Cambridge. Dieser erkennt Ramanujans Originalität und Brillanz und setzt sich seinerseits gegen Widerstände aus den eigenen akademischen Reihen durch, den Rohdiamanten samt seiner unkonventionellen Ideen nach Cambridge zu bringen.

Für eine Reise ins Ungewisse verlässt Ramanujan sein Land, seine Familie und Ehefrau Janaki (Devika Bhisé). Angekommen in England, kann er auf das Verständnis und Vertrauen seines Mentors Hardy bauen. Unter seiner Protektion entwickeln sich Ramanujans Theorien zu Formeln, die die Welt der Mathematik und die Haltung vieler Wissenschaftler bis heute für immer verändern sollten.

Unermüdlich plädiert Hardy für die Anerkennung Ramanujans durch die elitären Universitätszirkel. Doch sein indischer Kollege ist im kalten, abweisenden England kurz vor dem Ersten Weltkrieg ebenso ein Außenseiter wie in seinem Heimatland. Mit letzter Kraft kämpft der mittlerweile schwer erkrankte Ramanujan darum, seine Arbeiten zu veröffentlichen und ein Establishment zu überzeugen, dass für seine Geniestreiche noch nicht bereit ist.

Funktioniert dieses Werk auch, wenn man komplexe mathematische Formeln nie als etwas wunderschönes selbst erlebt hat? Unbedingt Ja. Selbst wenn man mit Mathematik nichts anfangen kann, ist es dieses überragende Schauspiel bei dem kein Zweifel besteht, das sind die genialen Mathematiker leibhaftig.

Der erste Teil von DIE POESIE DES UNENDLICHEN war für mich ein Hochgenuss. Ich erinnerte mich an den magischen Moment, als ich die Maxwell-Gleichungen verstanden hatte – diese wunderschöne Sprache der Formeln, welche die Natur beschreiben. Den geliebten Schauspieler Jeremy Irons habe ich seit GEFÜHL UND VERFÜHRUNG fest in mein Herz geschlossen. Hier ist es wieder diese Ruhe und Intensität, mit welcher er den Mathematik-Professor Hardy verkörpert, für welche ich ihn sehr achte und liebe. Jeremy Irons (als Hardy), Dev Patel (als Srinavasa Ramanujan) und Toby Jones (als J. E. Littlewood) dürfen sich in Hochachtung umarmt fühlen. Wenn sie sich am Trinity-College in Cambridge in einem Raum befinden, hört und sieht man ihre Gedanken – großartig.

Littlewood wirkt in diesem Werk wie ein mit Hardy unsichtbar gekoppeltes Gehirn. Es wird erzählt, dass Hardy seine eigenen mathematischen Fähigkeiten auf einer Skala von 1 bis 100 bewertet haben soll. Sich selbst bescheinigte er ein Wert von 25, Ramanujan die vollen 100. In dem Newsletter der University of Southampton findet “The Man Who Knew Infinity” ebenfalls positive Erwähnung:

“Vielleicht der beste Film, der je über Mathematiker gemacht wurde.”

Überragend bleibt dieses konventionelle Biopic über Srinavasa Ramanujan nur dann in Erinnerung, wenn man überflüssige Szenen einfach im Geiste herausschneidet. Ramanujan, Hardy und Littlewood waren solch spannende und interessante Menschen, werden hier von Jeremy Irons, Dev Patel und Toby Jones so großartig verkörpert, dass die Erzählung kein Beiwerk erlaubt – hier hätte eine Andeutung genügt. Auch wenn das Publikum noch weiter minimiert würde, lautet die Formel auch hier: Konzentration und Reduktion ergeben ~ Vollkommenheit.

Srinavasa Ramanujan sagt, seine Göttin legt ihm die Formeln in den Mund, wenn ich schlafe, wenn ich bete. Genau wie G. H. Hardy kann ich diese Antwort nicht nachvollziehen, nicht beweisen. Es spielt auch keine Rolle woher dieser indische Mathematiker seine Genialität bezogen hat. Bei der Freundschaft von Hardy und Ramanujan muss man von einer genialen Liebesgleichen reden. In DIE POESIE DES UNENDLICHEN erlebt man Genie ohne Wahnsinn, sehr sehenswert.

Für Ramanujan ist jede(!) ganze positive Zahl sein persönlicher Freund. Denkt man an den Titel “The Man Who Knew Infinity”, erfüllt es mich mit Tränen und Dankbarkeit.

Ein Taxi in dem Werk trägt die Zahl 1729. Es ist die kleinste natürliche Zahl, die man auf zwei verschiedene Weisen als Summe von zwei Kubikzahlen ausdrücken kann.


Regie: Matt Brown
Drehbuch: Matt Brown
Hauptdarsteller: Jeremy Northam, Jeremy Irons, Toby Jones, Stephen Fry, Dev Patel
Genre: Drama, Biographie
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2015

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