Posted by herr.filmtanz on Dec 9, 2016

DER DIE ZEICHEN LIEST – Uchenik | Kirill Serebrennikov | KinoTrailer

„Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu. Es war der, den Jesus liebte.
Evangelium nach Johannes, Kapitel 13, Vers 23“

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov hat mit UCHENIK ein Werk erschaffen, welches in meiner Arthouse-Seele eine sofortige Resonanz erzeugt. Er interpretiert die Bibel mit künstlerischer Freiheit in seinem Geiste, was ich sehr spannend finde. Verstärkt wird die Vorfreude auf diese böse Satire voll pechschwarzem Humor durch das Interview mit dem Regisseur und den zugrundeliegenden Bibel-Zitaten (auf drei Seiten), im Begleitheft zu diesem Werk. Die Kulturbeauftragten, im Namen von Putin, haben sicher ein Auge auf dieses Werk UCHENIK, welches auf Filmfestivals Anerkennung erlangt hat. Grund genug, selbst ein Auge auf dieses Werk zu werfen. Ein Auszug aus dem Interview mit Kirill Serebrennikov im Folgenden.

Auszug auf dem Interview mit Kirill Serebrennikov.

-> In der Bibel finden sich einige sehr ambivalente Stellen, die sehr einfach in ihr jeweiliges Gegenteil gewendet werden können.
<- Im Film ist immer die Textstelle, die Quelle angegeben. Das Publikum muss wissen, dass diese Stellen wirklich authentisch und real sind. Sie stammen nicht aus meiner Fantasie, ich habe sie alle katalogisiert.

-> Ist Religion eine Art Droge?
<- Ich bin gegen jede Form des Obskurantismus, gegen alles, was dir vorschreibt, was du denken sollst. Ich stelle mir viele Fragen über die Welt, das Universum, die Menschen um mich herum. Religion gibt Antwor- ten. Kunst besteht daraus, Fragen zu stellen. Der Film zeigt, dass Religion eine Form der Manipulation ist, hier in den Händen eines jungen Mannes, um die Menschen um ihn herum zu manipulieren.

-> Bei Ihrer Inszenierung haben Sie eine Vorliebe für lange Sequenzen.
<- Ich finde es mühsam, Schuss und Gegenschuss zu inszenieren. Ich probe eine Szene lieber drei Tage lang. Auf diese Weise ist sie dann, wenn wir sie drehen, schon nach 3 oder 4 Takes wirklich im Kasten.

Benjamin ist Schüler an einer aufgeklärten, staatlichen Schule. Eines Tages weigert er sich, am Schwimmun- terricht teilzunehmen und zwar nicht, wie seine Mutter vermutet, wegen einer unkontrollierbaren Erektion, sondern weil der Anblick seiner minimal bekleideten Mitschülerinnen seine religiösen Gefühle verletzt. Benjamin ist konvertiert: zum Christentum und bedient sich ab sofort bei einer schier unendlichen Ressource der Aggression: der Bibel.

Während sich seine Mitschüler weiterhin in Reih und Glied liberaler Unterrichts- führung dirigieren lassen, ist Benjamin auf Rebellionskurs, ein Missionar und Kreuzzügler, der gegen Homo- sexualität, geschiedene Frauen und Evolutionstheorie die eine oder andere Bibelstelle ins Feld zu führen weiß. So heftig und eloquent ist Benjamins Protest gegen den wissenschaftlichen Tenor der Schule, dass die Lehrerschaft bald ins Wanken gerät: die Mädchen müssen ab sofort in Badeanzügen schwimmen und das Kondom wird schließlich doch lieber aus dem Biologie-Unterricht verbannt.

Für Benjamin reicht das allerdings noch lange nicht: ein wahrer Jünger Jesu lässt seine Feinde nicht ungeschoren davon kommen.

Eine wilde und furiose Groteske gelingt mit DER DIE ZEICHEN LIEST von Kirill Serebrennikov, dessen Film seit seiner Premiere in Cannes international euphorisch gefeiert wird. In einem kühnen Kurzschluss ist in DER DIE ZEICHEN LIEST gerade nicht die radikale Religion der Feind liberaler Erziehung, sondern ihr gar zu enger Verwandter. Eine böse Satire voll pechschwarzen Humors, die uns die Fallen aktueller Denkmuster gnadenlos vor Augen hält.

Regie: Kirill Serebrennikov
Drehbuch: Kirill Serebrennikov, Marius von Mayenburg
Kamera: Vladislav Opelyants
Musik: Ilya Demutskiy
Hauptdarsteller: Yuliya Aug, Victoria Isakova, Petr Skvortsov, Alexandra Revenko, Svetlana Bragarnik
Genre: Drama
Produktionsland: Russland
Produktionsjahr: 2016
Kinostart: 19.01.2017

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