Posted by herr.filmtanz on Mar 11, 2017

DIE TÄNZERIN | SoKo | Stéphanie Di Giusto | Gedanken

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Ein visionärer Farbrausch des Tanzes, Lebens und Schmerzes

Mit welcher Hingabe die französische Sängerin und Schauspielerin SoKo die Rolle der Loïe Fuller in DIE TÄNZERIN verkörpert, ist ein großer Gewinn für die Leinwand und sehr sehenswert. Loïe Fuller hat aus ihren Beobachtungen des alltäglichen Lebens, ohne je eine Tanzausbildung besucht zu haben, ihren abstrakten Tanz komponiert und gilt als Wegbereiterin dessen.

In den besten Momenten – davon gibt es neben Schlüsselmomenten auf der farbdurchleuchteten Bühne viele – ist es wie ein Rausch, wenn man in ihrem Körper, ihrer Seele, bis zur körperlichen Erschöpfung das Leben tanzt. Sich dabei an die großartige Isabelle Adjani zu erinnern, ist eine Wohltat.

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Sie war die berühmteste Tänzerin ihrer Zeit, verehrt wie ein Popstar und hofiert wie eine Königin, doch heute ist Loie Fuller (1862-1928) so gut wie vergessen. Eine historische Ungerechtigkeit, die die französische Filmemacherin Stéphanie Di Giusto wettmacht, indem sie der Pionierin des modernen Tanzes mit ‘Die Tänzerin’ ein eindringliches filmisches Denkmal setzt. Ihr Regiedebüt zeigt Fuller als unvergessliche Rebellin, die im ausgehenden 19. Jahrhundert mutig künstlerische Grenzen sprengte und auch das Verständnis davon, was es bedeutet, eine moderne Frau zu sein.

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Die Nähe zu ihrer einzigartigen Heldin entwirft Di Giusto in faszinierenden Bildern ein Sittenbild der ‘Belle Époque’, das Fullers Lebensweg von der Wildnis des amerikanischen Westens bis in die heiligen Hallen der Pariser Oper nachzeichnet – weniger klassische Biografie als konsequent kompromisslose Annäherung an einen anarchischen, genialen Freigeist. Verkörpert wird diese außergewöhnliche Künstlerin zwischen Bewunderung und Skandal, zwischen radikaler Selbstbestimmung und ungewöhnlichen Freundschaften von der französischen Popmusikerin und Schauspielerin Soko.

Mit welcher besonderen Sorgfalt die Regisseurin Stéphanie Di Giusto jeden Moment des Tanzes komponiert, lässt die eigene Seele erstrahlen. Der Tanz im Wald gehört zu den schönsten Momenten, welche ich je erleben durfte. Wunderbar entfesselt, hört man sogar die Blätter der Bäume applaudieren.

Ich war von großer Sorge und Angst um Loïe Fuller, als das halb offene Spiegelkabinett zum Tanz zusammengeschoben wurde und sich dann der Vorhang öffnet. In dieser energetischen Szene ist die eigene Aura so offen und emphatisch mit der Seele der großartigen SoKo gekoppelt, dass die Intensität kaum in Worte zu fassen ist.

Konzentriert man sich ausschließlich auf Loïe Fuller, die großartige Darbietung von SoKo, blendet alles andere aus, erlebt man in DIE TÄNZERIN etwas ganz wunderbares im Herzen. Ich wünsche mir sehr, Soko erneut erleben zu dürfen. Loïe Fuller tut der eigenen Seele sehr gut.

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Niemand hätte ahnen können, dass Loie Fuller (Soko), die Tochter eines Rodeoreiters irgendwo aus dem amerikanischen Westen, zum Star der ‘Belle Epoque’ in Europa werden würde. Unter Metern von Seide, die Arme verlängert durch Holzstäbe, erfand sie ihren Körper auf der Bühne jeden Abend neu und verzauberte das Publikum mit ihrem revolutionären Tanzstil. Mit ihrem magischen Serpentinentanz aus Stoff und Licht wird sie zum neuen Stern am Pariser Nachthimmel und im ‘Folies Bergère’ gefeiert, wie keine zweite Künstlerin ihrer Zeit. Ihr schonungsloser Köpereinsatz und das blendende Licht der Bühne schwächen sie zunehmend, doch vom Perfektionismus getrieben, gibt Loie nicht auf. Unterstützung findet sie in ihren Bewunderern. Der melancholische Adlige Louis Dorsay (Gaspard Ulliel) fasziniert sie und wird zu ihrem Seelenverwandten. Die sanfte Gabrielle (Mélanie Thierry) erdet und umsorgt sie. Die junge, grazile Tänzerin Isadora Duncan (Lily-Rose Depp) beflügelt sie, aber bringt sie auch fast um ihren Verstand. Am Ende muss Loie ihren Weg alleine gehen, um ihren persönlichen Traum zu leben: das Publikum der Pariser Oper mit ihrem Tanz zu betören. Ein außergewöhnliches Schicksal, ein einzigartiges Leben, eine Frau, die ihrer Zeit voraus war.

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Regie: Stéphanie Di Giusto
Drehbuch: Thomas Bidegain, Stéphanie Di Giusto, Sarah Thibau
Kamera: Benoît Debie
Schnitt: Géraldine Mangenot
Hauptdarsteller: Gaspard Ulliel, Mélanie Thierry, François Damiens, Denis Menochet, Lily-Rose Depp, SoKo
Genre: Drama, Biographie
Produktionsland: Frankreich, Belgien, Tschechien
Produktionsjahr: 2016

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