Posted by herr.filmtanz on Apr 4, 2017

24 WOCHEN | Julia Jentsch | Bjarne Mädel

24 WOCHEN trifft direkt ins Herz, so schmerzhaft und filterlos, wie es nur alle paar Jahre aus deutscher Hand, so authentisch und ehrlich auf der Leinwand zu sehen ist.

Gleichzeitig schwingt in diesem Werk auch das Wort Hoffnung. Besonders Julia Jentsch verkörpert ihre Rolle so durchdringend, dass ein Blick in ihre Augen reicht, um direkt erneut in Tränen auszubrechen, ihren Zwiespalt bis tief in die eigene Seele zu fühlen.

Anne Zohra Berrached muss von für ihren Mut, dieses schwere und zu gerne in der Öffentlichkeit totgeschwiegene Thema der möglichen Spätabtreibung, so nah an den Betroffenen, zu zeigen, ein großes Lob und einen Dank aussprechen. Betroffenen Eltern gibt dieses Werk vielleicht auch Kraft, diese unsagbar schweren Lebensmomente zu überstehen.
Mir fällt nur ein deutsches Werk ein, welches die volle Härte eines schweren Schicksals vergleichbar filterlos und authentisch zeigt, HALT AUF FREIER STRECKE (2011) von Andreas Dresen. Der zuletzt genannte Film hat mir in schweren Stunden der Trauerbewältigung, sehr viel Kraft gegeben. Sowohl 24 Wochen als auch HALT AUF FREIER STRECKE gehören zu den wertvollsten Werken auf der deutschen Kinoleinwand. Den Schmerz von 24 WOCHEN und die Hoffnung, wird man sein Leben lang im Herzen tragen. Selten sind Werke aus Deutschland im Stande, etwas von so unschätzbarem Wert zu schaffen.
Auch nach Tagen sitzt der Schmerz, aber auch die Dankbarkeit, gegenüber des Meisterwerks 24 WOCHEN noch tief im Herzen. Sekunden nach dem Aufwachen, habe ich dieses Werk im Geiste, ihn immer noch nicht verarbeitet und das, obwohl ich im Jahr viele hunderte Filme schaue, welche oft ebenfalls eine Galaxie weit entfernt vom Unterhaltungskino sind. Wie wertvoll das deutsche Kino sein kann, zeigt Anne Zohra Berrached mit vollster ehrlicher und intensiver Intensität.

Die Bühne, das Scheinwerferlicht – Astrid (Julia Jentsch) lebt und liebt ihren Beruf als Kabarettistin mit Hingabe, während ihr Mann und Manager Markus (Bjarne Mädel) sie gelassen und gekonnt unterstützt. Doch als die beiden ihr zweites Kind erwarten, wird ihr sonst so durchgetaktetes Leben unerwartet aus der Bahn geworfen. Bei einer Routineuntersuchung wird ‘Trisomie 21’ festgestellt. Zunächst wissen beide nicht, wie sie damit umgehen sollen, doch sie entscheiden sich gemeinsam für ein Leben mit ‘Down Syndrom’. Mit der gleichen Stärke, mit der sie bisher ihren Alltag in der Öffentlichkeit gemeistert haben, bereiten sich die zukünftigen Eltern auf ein Leben mit einem behinderten Kind vor. Unverdrossen stellen sie sich dem Unverständnis und den hilflosen Reaktionen im Freundes- und Verwandtenkreis. Bald verliert die Diagnose ihren Schrecken und die Vorfreude auf das gemeinsame Kind kehrt zurück. Als dann im sechsten Schwangerschaftsmonat eine weitere Untersuchung das ganze Ausmaß der Behinderung sichtbar macht, trifft diese Nachricht die Eltern um so härter und das Kartenhaus aus Mut und Optimismus droht zusammen zu stürzen. Wieder wollen Astrid und Markus alle Entscheidungen gemeinsam treffen, wieder wollen sie einen Weg finden. Aber die Prognose ist jetzt ungleich komplexer. Plötzlich stehen sie vor einem Gewissenskonflikt. Sie müssen entscheiden ein schwer behindertes Kind zur Welt zu bringen, oder die Schwangerschaft im sechsten Monat zu beenden. Im Staffellauf zwischen Diagnosen und Ratschlägen trennen sich ihre Meinungen. Wer kann wissen, ob das Kind wirklich leiden, ob sein Leben lebenswert sein wird? Die Suche nach der richtigen Antwort stellt alles in Frage: die Beziehung, den Wunsch nach einem Kind, ein Leben nach Plan. Umgeben von medizinischem Fachpersonal, Statistiken und Prognosen wird Astrid bewusst, dass nur sie, die ihr Kind in sich trägt, die Entscheidung treffen kann…

Julia Jentsch spielt die schlagfertige Kabarettistin Astrid mit Strahlkraft und hohem Risiko, Bjarne Mädel, ist der Mann an ihrer Seite, mit großer Zerbrechlichkeit, die hinter dem stoischen Optimismus sichtbar wird. Die Erzählung führt das Paar vom Scheinwerferlicht in die Einsamkeit, die gesellschaftliche Ausgrenzung. Hier, auf sich gestellt, ringen Astrid und Markus um die richtige Entscheidung. Während der Alltag draußen immer unwirklicher und banaler erscheint, wird immer mehr klar, dass es kein richtig oder falsch gibt. Der medizinische Fortschritt stellt uns manchmal vor die Wahl über Leben und Tod. Julia Jentsch spielt eine Frau unserer Zeit, die an dieser Wahl fast zerbricht. Regisseurin Anne Zohra Berrached und Autor Carl Gerber haben ihr Drehbuch nach gründlicher Recherche entwickelt. Gemeinsam mit Kameramann Friede Clausz hat Anne Zohra Berrached den Darstellern ihrer Erzählung bei den Dreharbeiten einen einzigartigen Freiraum geschaffen, in dem Laien, Experten und Schauspieler gemeinsam eine Form finden, die Hyperrealismus und Tragödie nahtlos miteinander verbindet. ’24 Wochen’ ist ein Film, der nur seinen eigenen Regeln folgt, eine Verschmelzung von Fiktion und Realität. Das Publikum wird mit der schmerzhaften Wahrheit konfrontiert, dass es Fragen ohne Antwort gibt, und dass das Leben dennoch weiter geht.

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24 WEEKS

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Regie: Anne Zohra Berrached
Drehbuch: Anne Zohra Berrached, Carl Gerber
Kamera: Friede Clausz
Schnitt: Denys Darahan
Musik: Jasmin Reuter
Hauptdarsteller: Johanna Gastdorf, Julia Jentsch, Bjarne Mädel, Emilia Pieske, Maria Dragus
Genre: Drama
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2016
DVD-Start: 31.03.2017

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