Posted by herr.filmtanz on Jun 22, 2018

MARLINA – Die Mörderin in vier Akten | Mouly Surya

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Eine Sternschnuppe. Ein Spiegelbild. Eine Zauberkiste von Werk.

Marlina trägt an ihrem Holster statt einem Colt den abgetrennten Kopf eines indonesischen Mannes. Es ist ein hartes Werk, welches uns die Regisseurin Mouly Surya präsentiert. Ein Werk voller Feingefühl, welches die Kraft und die Geburt der neuen indonesischen Frau feiert. Diese Reise auf die Insel Sumba, wird unvergessen und voller Hoffnung für die Stärke um diese Frauen stehen.

Sumba ist eine von mehreren tausend Inseln in Indonesien. Die extrem trockene Landschaft erinnert ein wenig an Texas. Sie gehört zu den ärmsten Provinzen des Landes, in welcher die Menschen auch heute noch Schwerter und Waffen mit sich tragen. Es kann passieren, dass nachts eine Gruppe Räuber an deine Tür klopft und verkündet, dass sie dich ausrauben werden und es gibt nichts, was du dagegen tun kannst, denn sonst töten sie dich.

Eröffnet wird der Film mit einer Supertotale auf das karge Land, getragen von einer Musik, welche an einen Western erinnert, aber klanglich auch die Kultur des Landes beinhaltet. Wir sehen in der Ferne ein Motorrad, welches auf das alleinstehende Haus der jungen Witwe Marlina (Marsha Timothy) zureitet. Nachdem der Blick des Zuschauers auf einen Grabstein mit der Inschrift Topan fällt, betritt Markus (Egi Fedly), Marlinas Haus. Im Beisein der mumifizierten Leiche ihres Mannes verkündet er, dass bald sechs seiner Freunde kommen werden, die erst ihr Geld und Vieh stehlen werden, und sie dann vergewaltigen. Zunächst soll sie aber eine gute Hühnersuppe zubereiten.

Marlina geht im ersten Akt mit einer beeindruckenden Ruhe und inneren Stärke ans Werk. Für die Männer wird es eine folgenschwere Nacht sein, denn unsere Heldin lässt sich von dieser Bande nicht unterkriegen. Am nächsten Morgen macht sich Marlina, mit einer Machete und einem Kopf der Räuber unter dem Arm bewaffnet, auf den Weg zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. Im zweiten der insgesamt vier Akte trifft sie auf die hochschwangere Novi, von welcher ihr Mann glaubt, dass sie fremdgegangen ist und einen Bastard zu Welt bringen wird.

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Die feministische Heldin Marlina verkörpert mit ihrer sensiblen und starken Ausstrahlung die Frauen von Sumba, welche um ihr Überleben, ihre Unabhängigkeit und ihre Integrität kämpfen. Novi steht hier stellvertretend für viele Frauen, welche von den Männern wie der letzte Dreck, nur herumgeschubst werden. In diesem, ab dem zweiten Akt als Roadmovie angelegtem Werk, wird sie an der Seite der feministischen Heldin Marlina, Stärke erlangen. Die Frauen müssen sich verbünden und es tatkräftig selbst in die Hand nehmen, nur so erlangen sie die ihnen zustehende Unabhängigkeit und Selbstständigkeit zurück. Es ist die Geburt einer Hoffnung.

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Es ist ein visueller Hochgenuss, mit welcher Ruhe und Klarheit die Regisseurin zusammen mit ihrem Stammkameramann Yunus Pasolang die Bilder komponieren. Eine starre Kamera, welche ganz ohne Schwenks auskommt, um sich in voller Konzentration nicht nur auf den Leidensweg von Marlina und Novi zu konzentrieren, sondern auch auf einen weiteren Hauptdarsteller – die beeindruckende Landschaft der Insel Sumba selbst. Stellenweise erinnern diese Bilder – besonders bei den Innenaufnahmen – an das virtuose Spiel mit Licht und Schatten an die Werke von Lav Diaz.

Der Blick zu Anfang in das Gesicht von Marlina, welche gerade ihre Vergewaltigung verkündet bekommen hat, wird sehr lange in schmerzlicher Erinnerung bleiben. Wenn Marlina durch ein Gitter oder eine Jalousie schaut, ist es diese Metaebene, welches dieses Werk noch lange im Geiste nachwirken lässt. Es ist eines der kraftvollsten Momente, wenn sie zu Pferde steigt und hinter dem Horizont verschwunden, kraftvoll wiedererscheint. Wenn der kopflose Musiker seine traurigen Klänge um den Verlust seines Hauptes anspielt, man zunächst erschrocken und dennoch amüsiert reagiert, liefert die indonesische Religion und Spiritualität bestimmt die richtige Antwort, was mit dessen Kopf zu tun sei.

Besonders berührend und tiefgründig ist eine Begegnung von Marlina mit einer jungen Seele. Wenn sie ihr die Zauberkiste der Hoffnung hinterlässt, dieses in einer langen Einstellung liebevoll gezeigt wird, wird es Zeit, die Dämonen in das Reich der Toten zu entlassen. Marlina ist keine Mörderin. Wenn sie ihre eigene Schuld, in einer unvergessen virtuosen Szene reinwäscht, sind es die eigenen Tränen, mit welcher man sie voller Hoffnung umarmt.

Aus tiefster Seele erwünscht und erhofft ist Mouly Surya mit MARLINA ein Meisterwerk in vier Akten gelungen. Die feministische Heldin Marlina wird man noch lange im Herzen feiern. Am Ende reitet sie davon, aber nicht alleine – die Geburt der Hoffnung im Sattel.


Indonesien meets KILL BILL meets Western – diese Kombination begeisterte Publikum und Filmkritik bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes, die den Mix aus packenden Westernelementen, exotischen Bildern und subtilem Humor bei der Weltpremiere von MARLINA – DIE MÖRDERIN IN VIER AKTEN im Regiewettbewerb Quinzaine des réalisateurs mit stürmischem Applaus und euphorischen Besprechungen feierten.
Für die bedeutende internationale Branchenzeitschrift Variety hat Regisseurin Mouly Surya damit „ein neues Genre erfunden“. Mit einer Idee des indonesischen Regiegroßmeisters Garin Nugroho als Grundlage hat die Regisseurin – inspiriert von der faszinierenden Kultur der Insel Sumba und ihrer Bewohner – ihre ganz eigene Interpretation eines Westerns geschaffen. Außergewöhnlich ist auch, dass das Ganze nicht von einem männlichen „Helden“, sondern von einer extrem vielschichtig angelegten weiblichen Hauptfigur getragen wird, eindrücklich verkörpert vom indonesischen Schauspielstar Marsha Timothy (THE RAID 2). Mouly Suryas kompromisslose, überraschende Erzählweise erinnert an begnadete Regieautoren wie Quentin Tarantino oder Jim Jarmusch und doch kopiert sie nicht, sondern hat ihre ganz eigene kreative Stimme. (Pressenotiz)

Sonja Hartl und Beatrice Behn besprechen MARLINA.

 

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Regie: Mouly Surya
Drehbuch: Mouly Surya, Rama Adi, Garin Nugroho
Kamera: Yunus Pasolang
Schnitt: Kelvin Nugroho
Musik: Zeke Khaseli
Hauptdarsteller: Marsha Timothy, Yoga Pratama, Egy Fedly, Dea Panendra
Genre: Drama, Thriller
Produktionsland: Indonesien
Produktionsjahr: 2017
Kinostart: 18.01.2018

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