Posted by herr.filmtanz on Jun 29, 2018

FÉLICITÉ | Véro Tshanda Beya | Alain Gomis

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Der kraftvolle Seelengesang der Félicité

Ich bin heute Morgen aufgewacht, sofort hatte ich die Augen von Félicité (Véro Tshanda Beya) vor mir. Es ist der Blick in ihre Seele, welcher lange unvergessen bleiben wird. Eine stolze und unabhängige Frau, welche einen leisen und intensiven Schmerz in ihren Augen trägt.

Mit einer distanzlosen Nähe der Kamera begleiten wir sie durch ihre Nächte und den Tag, ihr Leben. Sie wirkt zunächst in sich gekehrt, fast teilnahmslos, wenn sie jeden Abend in einer Bar in Kinshasa ihr Überleben sichert, den anderen Menschen zuschaut. Tritt sie dann auf die Bühne, erklingt ihre raue Stimme mit solch einer Kraft, dass alle ihre Sorgen für einen Moment vergessen sind. Fast hypnotisierend ist es, wenn ein leises Lächeln in ihren Augen den umwerfenden Gesang aus ihrer Seele begleitet. Wenn sie später das Geld für eine Operation ihres verunglückten Sohns auftreiben muss, man am blutüberströmten Krankenbett steht, und diesen korrupten Ärzten in die Augen schaut, ist es fast nicht erträglich.

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Dass sie ausgerechnet mit dem Schwerenöter Tabu eine Schicksalsgemeinschaft eingeht, man fast an eine leise Liebesgeschichte denkt, ist ein seltsames Gefühl, welches mehr Fragen als Antworten liefert. Braucht diese starke und unabhängige Frau wirklich einen Mann an ihrer Seite?

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Auch wenn Tabu zu Anfang sehr unsympathisch wirkt, hat er dennoch ein großes Herz. Man möchte ihn in den Arm nehmen. Vielleicht ist diese Gemeinschaft der geschundenen Herzen eine notwendige Symbiose, um ihren Sohn aus seiner Lethargie zu holen?

Mit welchem Feingefühl die Kamerafrau Céline Bozon diese kongolesische Metropole einfängt, dieser Kontrast zwischen Armut und dekadentem Reichtum, ist beeindruckend und schmerzlich zugleich. Es sind diese unvergessenen fast dokumentarischen Straßenszenen in dieser quirligen Großstadt, vorbei an den slumartigen Häusern, welche von großer Nachwirkung sind. Von besonderer Faszination sind die Traum- und Albtraumsequenzen von Félicité, wenn sie in einer geradezu mythischen Nachtszene einem Okapi begegnet, während sie in einem weißen Kleid in einen See steigt.

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Diese Reise durch die kongolesische Metropole, dieser hypnotische Gesang, laden zum Nachdenken ein. Ob das leichte Zerfransen am Ende wirklich nötig gewesen wäre, muss jeder Zuschauer selbst entscheiden. Klar ist aber, FÉLICITÉ ist ein Werk, welches lange nachwirkt und eine dringliche Sehempfehlung darstellt.

FÉLICITÉ seht für viele starke Frauen, welche ein vergleichbares Schicksal durch ihr Leben tragen. Mit welcher durchdringenden Präsenz Véro Tshanda Beya, in ihrer ersten Rolle, diesen Film trägt und dominiert, ist atemberaubend. Der Blick in ihre Augen, ihre Seele, er wird ein Leben lang unvergessen bleiben.

Sehr zu Herzen lege ich euch dieses Interview, mit dem Regisseur Alain Gomis und der wunderbaren Darstellerin Véro Tshanda Beya in dem geliebten Berlinale Nighttalk.

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Regie: Alain Gomis
Darsteller: Vera Tshanda Beya Mputu, Gaetan Claudia, Papi Mpaka, Nadine Ndebo, Elbas Manuana
Genre: Drama
Produktionsland: Frankreich, Senegal, Deutschland, Belgien, Libanon
Produktionsjahr: 2017

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